Kultur : KURZ & KRITISCH

Kaspar Renner

LITERATUR

Magie

und Technik

Einer amerikanischen urban legend zufolge explodieren Möwen, wenn man sie mit Tropfen gegen Sodbrennen füttert, weil sie nicht rülpsen können. Was Großstadt- und Schulhofphantasmen angeht, sind alte und neue Welt also noch ganz auf einer Wellenlänge: Fast scheint es, als verliefe so etwas wie das von Thomas Pynchon visionierte alternative Postverteilungssystem quer durch den Atlantik. So erklärt sich wohl, dass Jane Yagers Erzählung in der zweiten Ausgabe des englischsprachigen Literaturmagazins „Bordercrossing“ den modernen Mythen gewidmet ist. Programmatisch für das neue Heft, das im Acud vorgestellt wurde, sind Grenzüberschreitungen. Stilistisch insofern, als sich hier Hoch- und Trivialliteratur mit Pornographie vermählen (Zoë Strachan). Kulturell insofern, als hier schwule Briten von der Diskokultur in St. Pauli schwärmen (Lance Anderson) und sich ein walisischer Privatier in die nordfriesische Mystik initiieren lässt (James Harris). Während diese Figur zum Medium wird, durch das Geister aus dem Wattenmeer sprechen, übersetzt ihr in Berlin ansässiger Schöpfer unverständliche hydrowissenschaftliche Texte. Vielleicht sind ja dies die besten Kulturbotschafter: Magie und Technik. (Das Magazin kann bestellt werden unter www.bordercrossing-berlin.com).Kaspar Renner

THEATER

Strindberg

mit Bodyguards

Das Fräulein Julie, die Titelheldin in Strindbergs berühmtestem Einakter, will nur spielen. Doch was die Gutsbesitzertochter durch ihre amouröse Über- sprungshandlung mit dem Untergebenen Jean anrichtet, ist eine wahre Mittsommernachts-Sextragödie. Wie man Anna Langhoffs Inszenierung des „naturalistischen Trauerspiels“ in der Tribüne zu verstehen hat (wieder vom 21. bis 23. und 28. bis 30. Juni), erklärt einem vorsorglich der Programmzettel: Eine „Paris Hilton am Rande des Nervenzusammenbruchs“ sei die Madame, der Diener hingegen „würde heute den Titel Assistent, Chauffeur oder Bodyguard tragen“. Ob wenigstens die Personenschützer des Innenministers Schäuble, der im Premierenpublikum weilte, sich von solcher Aktualität begeistern ließen? Schon bei Paris Hilton interessiert es nur bedingt, ob sie gerade kein Höschen trägt oder im Knast sitzt. Michaela Benn, als Julie nur hysterische Traumgöre, vermag im giftgrünen Partykleid und mit Luftballons behängt kaum mehr zu fesseln. Ihr unzähmbares Boytoy Jean, den Alexej Schipenko als Parvenü mit cholerischen Wollustanfällen spielt, hat zwar theoretisch den dankbareren Part, wird aber auch im Blütenregen stehen gelassen. Seine kreuzbrave Verlobte Kristin (Sibylla Rasmussen) singt das Pippi-Langstrumpf-Lied auf Schwedisch, am Ende werden Gitarre und Verstärker auf die phantasiefeindliche Wohnstuben-Bühne gewuchtet. Das muss dieses sagenumwobene „Regietheater“ sein. Patrick Wildermann

POP

Parodie

zwecklos

Wäre Jimi Hendrix in der Hölle gelandet, würde er jetzt so klingen. Wie ein Schmied lässt Johnny Kelly schwere Schläge auf die Trommeln niederfahren, Kenny Hickey entringt seiner Gitarre zähe, eisgefrostete Riffs und brüllt: „Hey Pete, where are you going with that axe in your hand?“ Und Frontmann Peter Steele hebt seinen gewaltigen Totengräber-Körper vom Schlagzeugpodest und singt mit einer Stimme, so kalt und tief wie ein Grab: „I'm gonna kill my lady...“. Die Cover-Version von „Hey Joe“ zeigt die humoristische Seite von Type O Negative, der Schwermetall-Band aus Brooklyn. Achtzehn Jahre lang pflegen die Barden der Negativität bereits ihren hymnischen, abgründigen Rock. Das aktuelle Album heißt denn auch selbstironisch „Dead Again“. In der Columbiahalle gibt sich die Band alle Mühe zu sterben. Das Konzert ist nichts anderes als ein hundertminütiges Konzertende. Als das Publikum nach einer knappen halben Stunde bei „These Three Things“ gerade in Fahrt kommt, verlassen die vier Musiker die Bühne. Das Spiel wiederholt sich dreimal. Type O Negative sind eines jener Phänomene, die jede Parodie überflüssig machen. Sie sind selbst ihre beste. Kolja Reichert

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