Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

POP

Fünf Frauen

im Schredder

Was macht bloß diese schwarzhaarige Frau in der Latexleggins und dem orangefarbenen Stofffetzen da? Sie sieht nicht aus wie Tori Amos. Und was sie mit der dreiköpfigen Band spielt, hört sich auch nicht nach Tori Amos an. Obwohl der Song von ihr stammt. Der Klassiker „Cruel“, zerschreddert und zerdehnt, kommt als unglaubliches Prog-Rock-Monster über das Publikum im Tempodrom. Als es mit „Teenage Hustling“ weitergeht, ist klar: Die laszive Lady dort oben ist Pip, eine der vier Kunstfiguren, die Tori Amos sich für ihr neues Album „American Doll Posse“ ausgedacht hat. Aus Pips Sicht singt sie die blues-rockigen Songs der Platte. Entsprechend krachend gerät der erste Teil des Konzerts. Das Publikum reagiert eher zurückhaltend und ist sichtlich erleichtert als die 43-Jährige nach einer kleinen Pause im Glitzeranzug und mit roten Haaren an ihren Bösendorfer-Flügel zurückkehrt. Sie spielt „Big Wheel“, dessen großartiger Groove sofort mitreißt. Die Band macht der sonst meist allein tourenden Musikerin sichtlich Spaß: Kraftvoll singt sie gegen Matt Chamberlains Schlagzeug an, imitiert den Wah-Wah- Sound von Gitarrist Don Phelps und wirft trotz bandagierter rechter Hand tänzelnde Piano- Läufe über den wühlenden Bass von Jon Evans. Einige ältere Stücke wie „Bells For Her“ spielen die vier in völlig veränderten Versionen, was einen sehr belebenden Effekt auf die Songs hat.

Fast etwas pflichtschuldig wirkt hingegen der in Kitschlicht getauchte 20-minütige Soloteil. Er zeigt wie weit Tori Amos inzwischen von der zarten Schmerzensfrau ihrer frühen Karriere entfernt ist und wie sicher sie mit Perspektiven spielt. So ist das beste Stück in diesem Block das Cover von Joni Mitchells „A Case Of You“. Anschließend kehrt die Band für eine weitere beglückende Stunde zurück. Fabelhaft. Nadine Lange

KLASSIK

170 Hymnen

in zehn Minuten

So kann es gehen, wenn man sich auf Prominente verlässt: Der Außenminister musste in dringenden Angelegenheiten nach Brüssel, und Montserrat Caballé ist leider auch verhindert, da gestürzt. Doch das Galakonzert zum Abschluss eines Festtags zum Ausklang der deutschen EU- Ratspräsidentschaft gelingt am Sonntag trotzdem. Wofür zum Beispiel ein Pasticcio von drei jungen Komponisten über die Europahymne, Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ nämlich, sorgt. So stellt man sich Europa vor: Bunt gemischt, eigenwillig, gelegentlich ratlos, oft sehr zögerlich – aber immer auf festem kulturellem Fundament gebaut. Die fade Eröffnungsmusik von Marian Sebastian Lux macht diese Gemeinschaftskomposition jedenfalls schnell vergessen.

Eine inszenierte „Begegnung der 27“ hat Moritz Eggert dann für diesen Abend geschrieben, junge Menschen aus allen europäischen Ländern unterbrechen das Orchester von den verschiedensten Positionen des Konzerthauses aus, sprechen und singen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, gewandet in ihrer Landestracht. Und Eggert steuert auch eine pannationale Hymne am Klavier bei, in 11 Minuten lässt er sich sämtliche 170 Nationalhymnen durch die Finger sausen. Eine launige und virtuose Angelegenheit, die beinahe der Publikumserfolg des Abends geworden wäre. Wenn nicht das Junge Klangforum Mitte Europa unter Sebastian Weigle zum Schluss Wagners „Meistersinger“-Vorspiel so wunderbar entspannt durch den Saal geschaukelt hätte. Mit fast philharmonisch-reinen Blechbläsern, verführerisch weich abschattiert. Ganz wie die Europadiplomatie der Frau Bundeskanzler. Ulrich Pollmann

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