Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Magie des

Durchblicks

Dass die Documenta während ihrer 100 Tage, die eigentlich fürs Zeitgenössische reserviert sind, auch eine persische Miniatur aus dem Berliner Pergamonmuseum zeigt, klingt irgendwie sensationell. Neues? Altes? Den umgekehrten Weg geht man im Bode-Museum: In einen Raum mit italienischen Reliefs und Kleinskulpturen ist der armenisch-türkische Künstler Sarkis eingezogen. Seine 148 „Ikonen“ präsentiert er in einer unzugänglichen Miniaturgalerie, dessen Fenster den Einblick ermöglichen – aber eben auch den Durchblick auf Madonnen- und Jesusbilder sowie Heiligenfiguren früherer Jahrhunderte (Bodestraße 1-3, bis 15.7., Mo-So 10-18, Do 10-22 Uhr).

Drinnen im Privatkabinett herrscht die individuelle Mythologie des Künstlers, reihen sich die knappen, nicht immer lesbaren Bildzeichen. Auf den Zeichnungen tauchen betende Hände auf, Kreuze, brennende Häuser oder Engelsgestalten auf Treppenstufen, die ins Nichts (oder in den Himmel) führen. Es dominieren die „Weihnachtsfarben“ Rot und Grün. Manchmal kleben da einfach nur weiße Zigarettenblättchen, stempelt Sarkis seine Fingerabdrücke auf Papier oder lässt Aquarellnäpfchen ausbluten. Mit einfachen Mitteln evoziert der Künstler eine Atmosphäre des Spirituellen. Die Rahmen für die Bilder – mal aus Schnitzwerk, mal aus Muscheln – sind vielfach Trödelobjekte: Sarkis setzt seine persönlichen Kultbilder also in einen doppelten historischen Rahmen. Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Ode an die

Fremde

Ist es Zufall, dass die spannendsten Projekte von Berliner Architekten aus dem vergangenen Jahr gar nicht in Berlin entstanden sind? Zu sehen sind sie im neuen Jahrbuch der Berliner Architektenkammer, das nun mit dem Untertitel „Über die Vereinbarkeit von Bauen und Architektur“ auf Leser-Fang geht (Architektur in Berlin 07, Verlagshaus Braun, 216 S., 29,90 €). Zu den interessantesten Bauten des Jahrgangs 07 gehört die plastisch bewegte Glasfassade für ein Hochhaus in Seoul von Regine Leibinger und Frank Barkow, ein Projekt, das derzeit auch mit einer Solo-Ausstellung am Kulturforum gewürdigt wird (noch bis 1. Juli).

Derweil hat es Jürgen Mayer H.’s Karlsruher Mensa mit ihrer expressiven Struktur zu den europaweit meistbeachteten Projekten „Made in Germany“ geschafft. In Berlin selbst wird stattdessen das Grausen gepflegt, bei den neuen Shoppingmalls von Steglitz bis Mitte etwa, denen sich Cornelia Dörries’ Beitrag widmet. Dabei kennt „Berliner“ Architektur Spielarten wie das einfühlsame Regensburger Blindeninstitut von Georg, Scheel, Wetzel oder die kunstvoll gestaffelten Wohnkuben von den Avantgarde-Altmeistern Léon, Wohlhage, Wernik in Stuttgart- Vaihingen. Was die Hauptstadt betrifft, wird man durch die Siedlungen der Moderne geführt, die auf dem Sprung ins Welterbe sind, und auf die Dächer in Mitte – gäbe es da von der neuen Stadtbaudirektorin bis zu den Baugruppen-Projekten nichts Drängenderes.Jürgen Tietz

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