Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

THEATER

Shakespeare

versenken

Schnell werden auf den Bühnenplanken noch die Spuren eines Sommerschauers weggewischt, dann heißt es „Leinen los“ für eine neue Saison des Hexenkessel Hoftheaters. Der historische Lastkahn MS Marie, der letztes Jahr als Provisorium diente, ist nun als feste Spielstätte am Kupfergraben vertäut. Freilufttheater als Freibeutertheater. Man spielt Shakespeare versenken. Was ihr wollt heißt die Vorlage, und Regisseur Jan Zimmermann nimmt das Angebot mit Freude an (Di-Sa 21.30 Uhr). Die Inszenierung jagt durch alle Genres, Adelsdrama, Gruselfilm, Piratenkomödie, und lässt keine Kalauer-Klippe aus. Nicht mal Shakespeare hätte sich wohl Sätze wie „Der nimmt den Adelskatalog als Wichsvorlage“ erlaubt. Des Autors Antlitz prangt denn auch auf dem Kreuz, das Olivias Trauermesse vorangetragen wird. Isabell Weißkirchen spielt die edle Dame und zugleich deren Kammer-Jungfer, eine Pippi Langstrumpf mit Uschi-Obermaier-Lidschatten (tolle Kostüme: Isa Mehnert). Eine Wucht, wie die stämmige Schönheit blitzschnell die Temperamente gegeneinander aufspielt, mal Trauernde, mal Knabenfresserin, mal schüchterne Verliebte. Dass ihr Ina Gercke als Objekt der Begierde etwa bis zur Brust reicht, sorgt alleine schon für Komik. Die kleine Viola bekommt ihren tot geglaubten Bruder wieder, der bekommt die Teufelsbraut, und der Kapitän die Viola. Matrosen- und Chef-Uniformen vereinigen sich in einer Orgie aus Weiß. Hierarchie- und Geschlechtsmuster sind mal wieder gelockert, die Lachmuskeln auch. Als Jack- Sparrow-Verschnitt verkündet Antonio: „Wir geh’n in die Karibik und dreh’n einen Piratenfilm.“ Nicht mehr nötig. Kolja Reichert

OPER

Drachen

entdecken

Hätten Sie gewusst, dass in Händels Orchester ein frecher Fagottist aus Braunschweig saß, der im Nebenjob eine der erfolgreichsten englischen Opern des 18. Jahrhunderts schrieb? Es ist ein Glück, dass die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci eben diese Oper im Schloßtheater des Neuen Palais zur Aufführung bringen ließen: Sonst hätten wir aus Nachlässigkeit schon wieder einen unserer interessantesten Komponisten an die Briten verloren. The Dragon of Wantley von John Frederick Lampe heißt das Stück. Wie bei der bekannteren „Beggar’s Opera“ handelt sich um eine Parodie auf die italienische Barockoper, die jedoch diesmal mit allen Mitteln der Kunst durchkomponiert ist. Lampe, der Händel bei seiner Arbeit genau beobachtet hat, setzt nicht auf Brachialkomik: Überraschend gekonnt imitiert er seinen Meister, um die Musik immer wieder mit sanfter Bosheit entgleisen zu lassen. Kongenial: Henry Careys knappes Libretto, das man sich wegen des unübersetzbaren trockenen Wortwitzes und der feinen satirischen Spitzen vor der Vorstellung unbedingt im Original durchlesen sollte. Für derberen, aber nicht minder britischen Witz sorgen außer der Akademie für Alte Musik unter Gary Cooper Sänger und Inszenierungsteam von Peter Holmans „Opera Restor’d“. Sowohl wegen ihrer Entdeckungen im Bereich der völlig unterbewerteten englischen Oper als auch wegen des Straßentheatercharmes ihrer ebenso klar wie barock überdreht erzählten Inszenierungen kann man diese Truppe gar nicht häufig genug nach Deutschland einladen. Was Lampe betrifft, steht jetzt schon fest: Wo man Händel-Opern hört, wird auch der „Dragon“ gefallen. Eigentlich gehört er sogar dazu (wieder am 22.–24. 6.; Live-Übertragung der Aufführung vom 23. 6. im Deutschlandradio Kultur). Carsten Niemann

POP

Hinterköpfe

gucken

Sommer ist Keimzeit. Ein Konzert pro Jahr ist obligatorisch für Fans der Band, die jetzt ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Das erste Déjà-vu begrüßt uns an der Hofeinfahrt zur Kulturbrauerei: Der Veranstalter hat die Zäune vom Fußballgucken letztes Jahr recycelt. Und wo zur WM die Riesenleinwand prangte, erkennt man nun eine weiße Plane über zwei Stahlträgern. „Siehst du was?“, frage ich den größeren Begleiter. „Ganz viele Hinterköpfe“, antwortet er. Das Gelände ist abschüssig, aber nicht zur Bühne hin, wie es logisch wäre. Die Band hat einen tollen Blick auf ihr Publikum. Nach neunzig Minuten haben wir ein Getränk ergattert und einen Platz, an dem wir ungestört tanzen können. Gesehen haben wir immer noch nichts – auch nicht den Hauch jenes Lächelns von Frontsänger Norbert Leisegang, das jede Frau im Publikum für sich allein beansprucht.

Vom Fenster der Toilette im ersten Stock aus dann endlich ein Überblick: Das Konzert ist ein großes Familientreffen. Auf der Bühne drängelt sich ein Dutzend Musiker. Alle, die jemals mitgespielt haben, sind dabei, auch das vierte Leisegang-Geschwisterkind, Ex-Sängerin Marion. Vor der Bühne grüßen sich alte Schulfreunde, einige haben ihre Eltern dabei, andere ihre Kinder. Keimzeit ist zeitlos. Mit Liedern wie „Kling Klang“ und „Maggie“ hat die Band den Soundtrack der ewigen Pubertät geschaffen: verspielt-trotzige Texte zu einfachen Melodien, Musik wie lachendes ZungeRausstrecken. Ende der Neunziger folgte der Wechsel zu härteren Tönen. Die Fans sind mit- und nachgewachsen. Erschöpft und etwas enttäuscht sitzen wir später auf einem Bordstein, als der Sänger vorbeiläuft. „Hallo Norbert!“, rufen wir. Und da, da lächelt er! Lea Streisand

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