Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Die schönsten Franzosen

erklingen in Berlin

Die Hauptstadt hat einen neuen Konzertsaal: Beim Auftritt des Orchesters der Deutschen Oper am Donnerstag in der Neuen Nationalgalerie entpuppt sich das gläserne Foyer als erstaunlicher Klangkörper. Die Akkorde, mit denen Luigi Cherubinis „Anacreon“-Ouvertüre beginnt, schwingen mehrere Sekunden im Raum, festlich und volltönend, als wären Bronzeglocken angeschlagen worden. Doch weil Mies van der Rohes Meisterwerk keine himmelstrebende Kathedrale ist, sondern ein Kunsttempel mit Flachdach, verzerren die Orchesterklänge nicht zum heiligen Hallen wie im Berliner Dom, sondern erhalten vielmehr einen strahlenden Glanz. Das schmeichelt vor allem den Geigen, die hier ganz besonders beseelt klingen. Aber auch die Pizzikati der Kontrabässe schnalzen wunderbar, die Farben der Holzbläser mischen sich bestens mit denen der Streicher. Nur wenn Becken und große Trommel zum Einsatz kommen wie in Hérolds „Zampa“-Ouvertüre, kippt der Sound ins Knallige.

Die Werkauswahl dieses spätabendlichen Panoramas französischer Musik des 19. Jahrhunderts – ein klingender Kommentar zur Impressionistenausstellung – ist klug, weil überwiegend von leichtfüßigem Charakter. Dirigent Jacques Lacombe wünscht sich die Werke bien rythmé und bekommt von den Musikern genau die rechte Mischung aus Präzision und Eleganz. Jacquelyn Wagner brilliert mit Gounods „Juwelen“-Arie, Konzertmeister Detlev Grevesmühl spielt eine keusche Massenet-„Méditation“, während jenseits der Panoramascheiben überm Tiergarten der weiße Nebel wabert: „Die Impressionisten“, kommentiert Moderator Peter Raue das Naturschauspiel, „hätten sofort draußen die Staffelei aufgebaut“. Frederik Hanssen

THEATER

Die besten Bälle

fliegen ins Grenzenlose

Als Kaviar sei er zur Welt gekommen, behauptete Daniil Charms. Wer das nicht glaubte, musste sich mit einer anderen Geschichte abfinden – der Zeugung als Aprilscherz und einer langen, langen Brutkastenperiode. Tatsächlich kam Daniil Charms 1906 in St. Petersburg zur Welt und verhungerte dort 1942 im Gefängnis. Zu Lebzeiten nicht gedruckt, aber unaufhörlich schreibend, den Wächtern sowjetischer Ideologie ein Dorn im Auge, zertrümmerte der Poet Wirklichkeit, um sie erträglich zu machen. In Gedichten, Erzählungen, kurzen Texten, erfand Charms ein Menschsein unter verrenkten Naturgesetzen, voller irrwitziger Abenteuer und hanebüchener Gefährdungen. Das Theater an der Parkaue erinnert jetzt daran, dass Charms auch für Kinder geschrieben hat. Fantasie zu befeuern, ungebärdig, frech und jenseits aller Logik und Wahrscheinlichkeit, das lag ihm. Und so beruht Die Reise nach Brasilien allein auf der Behauptung zweier Jungen, dass sie eben stattgefunden habe. Mögen Palmen im fernen Land wie Kiefern und Bisons wie Kühe aussehen – Kolja und Petja sind nach Brasilien geflogen, dort gewesen und wieder nach Hause gekommen: Punkt. Franziska Ritter inszeniert das Spiel für Kinder der 1. bis 4. Klasse und zeigt, dass aller Spaß Disziplin braucht, Training, handwerkliches Können.

Wie Stefan Faupel und Katrin Heinrich mit Pappkartons unterschiedlicher Festigkeit umgehen, wie sie sich vom rustikalen Karussell in ihre erträumte Ferne drehen lassen, immer im Wettbewerb miteinander, sportlich, den jungen Zuschauern nahe, ist eine Freude. Dieter Korthals gibt dazu den Philosophen, Piloten, Schrotthändler, was immer man will. Gemeinsam bauen die drei eine Welt – aus der Knipspistole. Der Ball springt, man muss ihn nur auffangen oder suchen. Er kann eben auch ins Grenzenlose fliegen (wieder am 5. und 6. Juli). Christoph Funke

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