Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Als das Tastenspringen

noch geholfen hat

„Scarlattis Sonaten“, spricht Andreas Staier im Kleinen Saal des Konzerthauses, „sind ein frühes Beispiel interaktiver Kunst: Manche Sprünge gelingen nur, wenn man die Daumen drückt.“ Tatsächlich ist ausgiebig zu hören, welche Anforderungen Domenico Scarlatti, Sohn des berühmten Alessandro, in einigen seiner 555 Sonaten für Cembalo stellt, allesamt Zeugnis der „segensreichen Auswirkung eines Ödipus-Komplexes“ (Staier). Zuerst vielleicht ein hübsch fugierter, argloser Sonatenanfang. Eine einfach gerankte Melodie. Aber dann: atemberaubend schnelle Tonrepetitionen, barbarisch schwere Sprünge, Läufe, Triller, Akkordgewitter, über Kreuz gelegte Hände. Klar, dass hie und da ein paar Tasten versehentlich mitgegriffen werden, die Finger nicht immer millimetergenau landen. Zumal das überreich verzierte Cembalo die Kopie eines Antwerpener Instruments von 1755, trotz seiner rasselnden Klangfülle zarte, schmale Tasten hat. Und Staier sich von den Anforderungen des Repertoires nicht in die Tempoplanung spucken lässt: Was schnell gehört, wird schnell genommen, und wenn das nicht immer glatt ausgeht – sei’s drum.

Zwanzig Sonaten also an diesem ersten von drei Scarlatti-Abenden, die das Konzerthaus anlässlich des 250. Todestages ausrichtet, eine Zugabe noch, und verwundert nimmt man zur Kenntnis, dass selbst ein so wunderliches Konzert mit einem so begrenzten Repertoire seine Vorzüge haben kann. Weil Scarlatti ein Spieler ist im Wortsinne, ein Bastler und Experimentator, und Staier ein vorzüglicher Interpret. Christiane Tewinkel

KABARETT

Als das Adidas

noch im Wald wohnte

Von manchen Themen ist abzuraten, wenn man auf eine humoristische Überraschung aus ist; das deutsche Beamtentum gehört dazu, Bildung nach Pisa ebenfalls. Erwartbar mittellustig fallen dazu die Scherze von Andreas Rebers in seinem Programm Lieber vom Fachmann in der Bar jeder Vernunft (bis 5. Juli) aus: Laut Pisa würden vier von drei Deutschen nicht richtig rechnen können, sagt er, und der Beamte, den er neulich hingesunken auf dem Schreibtisch liegen sah, sei nicht krank gewesen, er habe nur seine favorisierte Konzentrationshaltung eingenommen. Besser ist Rebers, wenn er randständiger wird und sich – Disharmonien auf dem Keyboard greifend – darüber ergeht, woher die Firma Salamander ihren Lurch habe und was das Adidas wohl für ein Tier gewesen sei. Ein bisschen frei flottierender Wahnsinn, höchst vergnüglich. Zum Glück ist Rebers keiner, der den eigenen Pointen hingerissen hinterherlauscht. „Ich bin ein Typ, der kann irrsinnig viel Bier trinken und trotzdem keinen Spaß haben“, sagt er und geht so geschwind darüber hinweg, dass der Witz zeitverzögert umso mehr trifft. Doch ist es vom Bier nicht weit zum nächsten Allgemeinplatz, und Rebers erzählt von der mit Kabarettliedern unterlegten Sexparty, die er nach der Show im VW-Bus abhalten wird. Wäre er doch beim Adidas geblieben.Verena Friederike Hasel

NEUE MUSIK

Als der Flügel mit dem

Radiergummi kollidierte

Irgendwie klingt der Flügel nicht so, wie er sollte. In den unteren Lagen scheppert es gewaltig, weiter oben ist nur ein dumpfes Klopfen zu hören. Das Orchester verhält sich ähnlich seltsam: Es quäkt und kreischt, schnurrt und kratzt. Ein ziemlicher Lärm. Ist das noch schön? Es ist das alte Problem der Neuen Musik: Was bei Mozart und Verdi dank harmonischer Lieblichkeit noch gut ins Ohr ging, stellt sich spätestens seit Entdeckung der Dissonanz meistens quer. Mit der neuen Konzertreihe „Meister Werke unplugged remixed“ im Radialsystem V will das Ensemble der Musikfabrik zeigen, dass es sich trotz vordergründiger Garstigkeit lohnt, bei Neuer Musik genauer hinzuhören. Ihr Konzept: Ein zeitgenössisches Werk wird zunächst unkommentiert vorgestellt. Dann folgt als Rezeptionshilfe ein moderiertes Gespräch, worauf das Stück ein zweites Mal erklingt.

Am ersten Abend der dreiteiligen Konzertreihe widmet sich das Ensemble John Cages „Concerto for Prepared Piano and Chamber Orchestra“, einem Werk, das aufgrund seines Soloinstrumentes, ein mit Schrauben und Radiergummis bestückter Flügel, Stoff für allerlei Anekdoten bietet. So berichtet Pianist Ulrich Löffler im Gespräch mit Moderator Klaus Nothnagel von den Mühen der Präparation, während der Cage-Experte Heinz-Klaus Metzger über die klanglichen Auswirkungen von Schrauben und Radiergummis spricht. Das ist zwar unterhaltsam, nur um das Concerto geht es leider selten. Am Ende hört man deshalb genau wie zu Beginn: ein bisschen Scheppern, ein wenig Klopfen und ein seltsames Klavier. (weitere Konzerte: 19. 10./ Iannis Xenakis, 8. 12./ György Ligeti, jeweils 21 Uhr) Dorte Eilers

POP

Als Krautrock und Spacefunk

einander begegneten

Jaki Liebezeit gilt als einer der einflussreichsten Schlagwerker, ein Jazzer der ersten Stunden im Nachkriegsdeutschland, der sich mit der legendären Krautrock-Formation Can zum Zeremonienmeister nicht enden wollender Chillout-Grooves getrommelt hat. Mit Burnt Friedman hat er einen Bruder im Geiste gefunden, der sich mit Space-Funk und Elektro-Dub einen Namen gemacht hat. Seit sechs Jahren tüfteln sie an ihren „Secret Rhythms“ und haben zwei Alben mit einer groovebetonten Instrumentalmusik veröffentlicht, die einen an vieles erinnert, das man schon kennt, aber nicht so gespielt wird, wie man es gewohnt ist.

Ihr Auftritt im Babylon Mitte hat jede Menge Fans in den Kinosaal gelockt, um zu sehen, wie der Altmeister sein eigenartiges Schlagzeugarsenal bearbeitet, die mächtige Standpauke als taktgebende Basstrommel, eingekreist von Toms und Cymbals, während Friedman hinter seinem Elektronikpult einen knisternden Teppich aus filigranen Loops ausrollt und der neuseeländische Gastmusiker Hayden Chisholm mit Melodica und Klarinette zusätzlich Luft in die bekifften Krautrock-Grooves pustet. Stile und Zeitströmungen schieben sich übereinander bei dieser coolen Inszenierung aus Hypno-Getrommel, Knispel-Elektronik und Chillout-Gebläse. Mag Friedman der Kopf dieses Projekts sein, Jaki Liebezeit ist der Star des Abends. Schön zu beobachten: wie er mit der Präzision eines Uhrwerks seine Runden dreht und mit konzentriertem Schwung sich und die Welt in Bewegung hält. Eine Erinnerung daran, dass es außerhalb der Musik noch andere geheimnisvolle Dimensionen gibt. Volker Lüke

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