Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Gedaddel

mit Glockenspiel

Der bleichgeschminkte Typ in schwarzem Leder brüllt wie ein Berserker in ein gefährlich aussehendes Schlachtemesser-Mikro – nur hört man ihn nicht, und da die Band bereits dröhnt, was die Verstärker hergeben, werden die ersten Nummern als Instrumentals verbraten. Kein guter Auftakt also für Brian Warner alias Marilyn Manson, der sich nach einer Hollywood-Ikone und einem irren Sektenführer benannt hat und mit dem Covern alter New-Wave-Hits über Wasser hält: „Sweet Dreams“ von den Eurythmics, „Tainted Love“, eine Soul-Nummer von Gloria Jones, die von Soft Cell zur schwulen Trennungs-Hymne umgeschmiedet wurde, sowie „Personal Jesus“ von Depeche Mode; Letzteres allerdings bringt er bei seinem Auftritt in der Spandauer Zitadelle nicht, jedenfalls nicht erkennbar, denn der Sound bleibt schlichtweg lausig. Ein brutal übererregtes Glamrock-Gedaddel, in das plötzlich ein sanftes Glockenspiel einbricht. Dann wieder zittriger Pressgesang und Pein auf der hart „ping!“ machenden E-Gitarre, dem Instrument des Teufels, dazu Luftschlangen und Rauchsäulen. Boah! Dass der Pop-Zombie nie real sein kann, ist freilich der Clou an der Sache. Denn das Leben nach Grusel-Vorlage ist ein verrücktes – doch noch ist nichts verloren: „Ich bin ein sehr feinfühliger Mensch“, hat Manson unlängst in einem Interview kundgetan. Da steht er nun, schüttelt seine strapazierten Haare, streckt den blanken Hintern ins Publikum und nimmt die ungebrochene Verehrung seiner Person mit derselben Gelassenheit entgegen wie Graf Dracula seine Blutkonserven. Das Publikum trägt überwiegend Schwarz sowie jede Menge Tattoos und ist im Übrigen an vielen Stellen mit Ringen durchbohrt. Nur Stämme überleben. Volker Lüke

KLASSIK

Brücken

zum Barock

Bei dieser Scarlatti-Ehrung schießt Feruccio Busoni den Vogel ab: die Sonatina Nr. 6 nach Motiven aus Bizets „Carmen“ spielt Gianluca Cascioli derart witzig, garniert die Opernthemen so locker-flockig mit virtuosem Zuckerwerk, dass tosender Beifall im kleinen Konzerthaus-Saal ausbricht. Mit seiner trockenen, klaren Tongebung stellt der Pianist aus der Klavier-Kaderschmiede Imola klar, dass all diese schaumigen Arpeggien, Triller und Läufe direkt aus der Werkstatt des barocken Meisters stammen. Das belegt das klug aufgebaute Programm: Nach einer farbenreich abschattierten „Toccata und Fuge d-Moll“ in Busonis Klavierfassung – in der man den Bach’schen Orgelklang kaum vermisst! – erklingen sechs Scarlatti-Sonaten im Wechsel mit italienischer Moderne. Luigi Dallapiccolas „Sonatina Canonica“ auf Themen von Paganini baut nicht weniger frappierend als Busoni Brücken zwischen virtuosen Stilen, legt in sanft irisierender Zwölftönigkeit gemeinsame Wurzeln bloß. Über allem liegt italianità, klangschön und sinnenfreudig. Casciolis eigene „Sonatina Nr. 1“ (2004) saugt dagegen ein wenig ratlos mal hier, mal da ihren Honig und wird in flauer Improvisationsgeste vor allem – Kitsch. Bleibt die Kunst des Jubilars selbst im Spiegel der großen Kunst des Interpreten: scharfe Kontraste setzend und immer wieder warm aufblühend, dabei die kühne Harmonik oft an die Grenzen berstender Dissonanz treibend. So wird Scarlatti selbst in die Moderne katapultiert. Isabel Herzfeld

POP

Fee

am Flügel

Schon die Anfahrt lohnt. Grüne Tunnel, weite Felder, ein Caspar-David-Friedrich-Himmel. Schloss Neuhardenbergs Park atmet die Harmonie klassizistischer Strenge. In der diesjährigen Sommerkonzertreihe finden sich große Namen des Jazz, die in Berlin fehlen: Brad Mehldau, Pat Metheney oder Abdullah Ibrahim. Der Auftritt der Norwegerin Rebekka Bakken, die es über New York und Wien bis in den Olymp des Jazz-Pop geschafft hat, ist wegen des Wetters allerdings in die Schinkelkirche verlegt worden. In diesem sakralen Kammermusiksaal präsentiert sich die Sängerin mit ihrem Quartett vorm Altar, steht mit Engelsgesicht, langem Blondhaar und leichtem Sommerkleid unter dem Messinglüster. Die Zuhörer sind zur Andacht gehalten: Schildern zufolge sind die Ablagen an den Holzbänken für die Gesangbücher, nicht jedoch zum Stützen der Füße bestimmt. Bakken nimmt’s mit fröhlicher Ironie. „Amazingly beautiful“ nennt sie den Ort und lässt ihren Hammond-Organisten in die Tasten greifen. Einen verträumten norwegischen Folksong steigert die Band zur krachenden Rockballade, bis die Bildnisse der vier Evangelisten erzittern. Dann wieder erstrahlt Bakkens glockenklare, wandlungsfähige Stimme allein vom Flügel begleitet. Hier erübrigen sich die ätherischen Streicher der Wiener Philharmoniker, mit denen die Sängerin ihr letztes Album „I Keep My Cool“ ausgestattet hatte. Die exzellente skandinavische Band verleiht den Songs nicht nur effektvolle Flügel, sondern vor allem reichlich Schwerkraft. Auf der Bühne präsentiert sich Bakken am liebsten als Singer/Songwriter, schlägt die Beine auf ihrem Hocker übereinander und unternimmt Abstecher zu Rock, Blues und Folk – einmal sogar zum Kirchenlied. All das klingt schlicht, erhaben und eigenartig makellos. Denn selbst in der blues-rockigen Nummer „Hard To Be A Loser“ gibt Bakken stimmlich eher eine schöne Immaculata als ein dirty girl. Kurzum, Jazz goes Pop, auf höchstem Niveau. Als das Publikum die Kirche verlässt, steigt Nebel auf, und die Dämmerung zeigt sich still wie aus Glas geblasen. Auch der Heimweg wird zum Erlebnis. Roman Rhode

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