Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Invasion

der Fremdkörper

Das Berghain, der Technoclub in Friedrichshain, ist für seine strikte Einlasspolitik bekannt. An diesem Abend aber lässt der schwarze Türsteher alle freundlich passieren. Das Staatsballett goes Berghain: Fünf Tänzer aus Malakhovs Compagnie erproben sich mit Shut up and dance! – Updated (wieder am 3. – 5. Juli, 22 Uhr) als Choreografen: die Begegnung von Club- und Hochkultur liegt voll im Trend. Das Publikum bewegt sich staunend durch die Hallen des Heizkraftwerks und wird Zeuge einer Invasion der Fremdkörper.

Die Berghain-DJs steuern Elektrobeats und Ambient-Klänge bei, also setzen die Choreografen die Tänzer unter Strom. „Bodylanguage“ von Xenia Wiest zeigt Ballett-Roboter, die ruckelnd zum Leben erwachen, sich kurz heiß tanzen, bis ihnen der Saft abgedreht wird. Martin Buczkós Stück wirkt wie das Delirium eines Modedesigners: ein Baseball-Kreuz für die Boys, bei den Girls ist das Strumpfband in die Taille verrutscht. Bis sich Buczko aufs Tänzer-Schrumpfen verlegt und nur phosphorisierende Linien bei Schwarzlicht zu sehen sind. In „Mother Tongue“ schickt Ronald Savkovic seine Tänzer ins Trainingscamp: Während Shoko Nakamura, eine somnambule Butterfly, sich aus ihrem kirschroten Kimono schält, müssen sich fünf Ballettsoldaten in Camouflage-Hosen verausgaben. Für die Orgie reicht’s nicht. Pinkfarbener Latexanzug gegen Bananenrock: Bei Kathlyn Pope streiten zwei Diven um das schrillste Outfit – eine mäßig komische Nummer. Nadja Saidakova macht dann im sportiv befeuerten „Wake it“ die Männer munter. Die erste Solistin tritt gegen fünf Boys an – ein faszinierendes Kräftemessen. „Wake it“ ist als kurzer Endorphinrausch der gelungenste Auftritt im Technoclub – Ekstase ist hier sonst nicht unter 18 Stunden zu haben. Sandra Luzina

KLASSIK

Leise flehen

meine Lieder

Das Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie lauscht intensiver als gewöhnlich. Denn nur selten geht Vesselin Stanev über ein gefühltes Mezzoforte hinaus. Kein Wunder, dass der Bulgare, den Sony mit der Veröffentlichung seiner Einspielung früher Skrjabin-Werke ins Gespräch gebracht hat, bisher ein wenig im Hintergrund wirkte. So erfrischend der 1964 geborene Pianist inmitten der tastendonnernden Senkrechtstarter auch wirkt, sein Spiel ist nicht ganz frei von Manierismus. Auch bei der Kunst, Höhepunkte durch überraschendes Zurückfallen in berückend zarte Pianissimotöne zu erzeugen, kann man des Guten zu viel tun. Anders der warm timbrierte, oft wie getupfte Bass von Stanevs linker Hand. Er kommt in Liszts Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge BWV 543, in Schuberts A-Dur Sonate D 664 oder der (leider im Passagenwerk etwas spieluhrenhaft angegangenen) Sonate Nr. 52 von Haydn wunderbar zur Geltung.

Während die auftrumpfenden Schlussgesten, mit denen Brahms seine Klavierstücke op. 76 abschließt, Stanevs subtile, aber spannungsarme Lesart infrage stellen, geht die Rechnung des Interpreten bei Liszts Ungarischen Rhapsodien auf: Inmitten der knackigen ungarischen Volkstänze wagt er den Blick auf die klingenden Schellen in den Händen der Tanzenden. Carsten Niemann

KUNST

Fischaugen

schauen dich an

Was treibt Familie Pfau an Sommertagen? Papa ist zu faul zum Radschlagen, Mutter und Kind stolzieren durch die Gegend. 1805 hat der Japaner Yoshimura Kôkei das Federkleid der Pfauen auf zwei Stellschirme gemalt, vor Goldgrund, dazwischen weiße und rosafarbene Päonien: Blütenpracht und Sommerregen heißt es im Kabinett der Sammlung Klaus F. Naumann. Seit 2000 werden im Asiatischen Museum ausgewählte Exponate der 130- teiligen Schenkung präsentiert, im dreimonatigen Wechsel (Lansstraße 8, bis 23.9., Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa - So 11 - 18 Uhr). Hibiskus, Lilie, Stockrose: Blumenbilder haben ihren festen Platz in der japanischen Tokugawa-Epoche. Nicht gerade sklavisch hält sich das Museum an den Ausstellungstitel. Das ist dann weniger schlimm, wenn Prachtkerle wie Itô Jakuchus „Karpfen“ (1793) präsentiert werden. Den schlank durchs Wasser gleitenden, s-förmigen Karpfenkörper hat der Individualist unter Japans Malern mit unglaublicher Eleganz auf die Hängerolle getuscht. Wässrig der Schuppenleib, Fischaugen starren dich an. Der Sommerregen fällt allerdings aus, es sei denn, der Betrachter erkennt in der Tupfenmalerei des Mi-Stils, in dem zwei Landschaftsbilder um 1900 gehalten sind, ein Äquivalent zum erfrischenden Wolkenbruch. Indes ist es in der Ostasien-Sammlung schon häufiger vorgekommen, dass die Kunstwerke eher unsystematisch ausgewählt worden sind. Jens Hinrichsen

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