Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Wo Schmerz und Ironie

sich umarmen

Zu lang, zu schwierig. Die Musiker klappten die Noten genervt zusammen nach einer Durchspielprobe, eine richtige Aufführung hat der Komponist nie gehört. Die folgte erst elf Jahre nach Schuberts Tod. Wie bahnbrechend seine C-Dur-Sinfonie wirken musste, als Mendelssohn sie 1839 dirigierte, das ahnt man selten im Konzertalltag. Man spürt es aber in Sternstunden wie der, die jetzt Lothar Zagrosek und dem Konzerthausorchester gelang. Ein Roman entfaltete sich im fast ausverkauften Konzerthaus, groß, aber nicht dickleibig – vielschichtig, durchsichtig, voller leuchtender Rätsel, ein Blick aufs Leben. Knapp 60 Musiker spielten so beweglich wie ein Kammermusikensemble, sie formulierten und inszenierten, da kamen Details und Steigerungen hervor, die sonst unter philharmonischen Fettpolstern verborgen bleiben, unterm „Man kennt das ja“. Nein, man kennt es nicht. Lothar Zagrosek hat die Partitur neu gelesen an diesem Abend, neu geschrieben auch mit Bewegungen, die die Architektur dieser Musik neu entstehen lassen. Wie eng da Ironie und Drama zusammenkamen, wie aus einer leichthändigen Skizze, einem Tänzchen, sich tiefer Schmerz entwickeln konnte! Man hörte, dass Schubert nicht Motive verarbeitet, sondern Charaktere durch wechselnde Situationen führt – so horizontweit und unangestrengt, dass Beethoven daneben wie ein schweißüberströmter Steineschlepper wirkt. Die passende Vorbereitung lieferte Cellist Alban Gerhard: Er spielte die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky verbindlich und mühelos zugleich. Volker Hagedorn

KLASSIK

Wo Jubiläum und Trauerfall

zusammenkommen

Einen zupackenden Mozart, sehr irdisch und sinnenfroh zeigt das Ensemble Oriol in seinem hundertsten Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie. Die Solisten setzen nicht etwa himmlisch verzückt und sanft ein in der „Sinfonie Concertante“, sondern mit opernhafter Geste, ganz bodenständig. Der Bratscher Antoine Tamestit setzt eher auf verhaltene Klänge, aber Christian Tetzlaff zeigt gleich mit seinen Eingangstönen, wer an diesem Abend die allererste Geige spielt. Mit schnellem Vibrato drückt er die Fieberkurve hoch, die jedoch gleich wieder abflacht, wenn er den Ton einfach nur klingen lassen will. Tamestit hingegen antwortet zarter auf die Impulse des Orchesters, versucht zwischen dem Kollektiv und seinem Solistenkollegen zu vermitteln. Gerade durch die Konfrontation so verschiedener Sichtweisen gewinnt zumindest der erste Satz an Fahrt, wird zur stilistischen Auseinandersetzung, die den Zuhörer zur eigenen Entscheidung zwingt: Soll, muss, ja darf der Geiger diese Klänge derart ins Extrem treiben oder gefällt mir der bescheidenere Zugang des Bratschers nicht besser? Der zweite Satz zerfällt ein wenig durch die uneinheitliche Spielweise, und im dritten Satz werden die eleganten Stauungen Mozarts vollends zu einer wilden Jagd verkürzt. Tetzlaff setzt bewusst schneller ein als das Orchester die Introduktion gespielt hatte und fügt der heiteren Klassizität Mozarts ein exzentrisch subjektives Element hinzu. Langweilig ist dieser Mozart nicht, was sich von der Orchesterfassung des Brucknerschen Streichquintetts nicht behaupten lässt. Ein Hauch von Staatsakt liegt oft über derlei Bearbeitungen, auch diesmal – so ermüdend ausgewalzt kommt Bruckners großflächige Komposition daher. Da mögen die Oriols noch differenziert und abgetönt spielen, wenn Tetzlaffs durchdringendes Spiel wie eine Rasierklinge durch den gedämpften Ton der restlichen Streicher dringt, ist die Balance zu deutlich gestört. Der zwanzigste Geburtstag als Trauerfall, das können die Musiker nicht ernsthaft gewollt haben. Uwe Friedrich

ROCK

Wo Pils und Boogie

sich vermählen

Von vielen werden sie belächelt. Aber Status Quo sind eine erstaunliche Band. 1967 wurde ihre erste Single zum Hit: „Pictures Of Matchstick Man“ hatte einen unerhörten psychedelischen Klang mit einem seltsam sirrenden Gitarrenriff. Aber dann haben Status Quo die Richtung geändert, wurden von experimentellen Psychedelikern zur hart rockenden Boogie-Band. Mit drei Akkorden und zwölf Takten hatten sie einen Hit nach dem anderen. Seit über 30 Jahren immer derselbe Song. Nur Titel, Text und Tempo unterschieden sich minimal. Fröhlich, mitreißend, ansteckend. Die Fans in der Zitadelle, überwiegend älter, bodenständig, bauchig, glühen schon mal vor: Mit Pils und Bratwurst in der Hand, und einem doppelten Regenbogen am Himmel. Dann glühen die roten Lämpchen in der Wand aus weißen Marshall-Verstärkern. Der Regen ist vorbei. Die Band ist da. Tosender Jubel tausender Fans. Rick Parfitt, sehr blond, mit türkisem Hemd, schafft sich rein in den Shuffle-Rhythmus auf der weißen Telecaster. Francis Rossi, bezopft, schaffelt mit einer grünen Telecaster dagegen. Rasender Boogie: „Take my hand, together we can rock ’n’ roll!“ Und sie rocken zusammen, vor- und hintereinander, parallel und wieder auseinander, immer im Einklang miteinander.

Bass, Orgel, Schlagzeug, die Gitarren immer ganz vorne. Fliegender Wechsel an den Mikros. Rossi macht lustige Ansagen, Sprachspielereien mit Monty-Python-Humor. Sie nehmen sich selbst nicht so ernst. Breitbeinig dastehen, Gitarrenhelden-Posen. Schritt vor, Schritt zurück, Schritt zur Seite. Wippen. Tele hoch, Tele runter. Lustig anzusehen und anzuhören. Ein Stück geht über ins nächste. Endlosschleife. Alle Hits. Derselbe Song. Dann, Überraschung, ein anderer Song: vier Gitarren, kein Bass, orientalisches Gefühl, und Rossis Gitarre hat fast wieder etwas Psychedelisches. Doch schon spielen sie wieder den anderen, den einen Song: Shuffle. „Rocking All Over The World“. Eine wirklich erstaunliche Band. H.P. Daniels

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