Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZTHEATER

Angriff

der Klonkrieger

Die vier Tänzer in grauen Sweatern stehen aufgereiht, als sollten sie einer erkennungsdienstlichen Maßnahme unterzogen werden. Sie tragen unterschiedliche Namen, haben aber alle dasselbe Geburtsdatum. Dem Zuschauer dämmert bald: Dies ist ein Angriff der Klonkrieger. Die Kernaussage in OmU – Original mit Untertitel lautet: Ich war’s nicht. It wasn’t me. Laurie Young, eine der profiliertesten Tänzerinnen aus Sasha Waltz’ Ensemble, zeigt im Radialsystem ihr erstes Gruppenstück (noch einmal 1.7., 20 Uhr).

Auf zwei Leinwänden werden Texte in vier Sprachen projiziert. So wie im Kino eine Lücke klafft zwischen dem, was sich auf der Leinwand abspielt, und der Untertitelung, so reißen bei dieser Live-Performance Leerstellen auf. Bild und Sprache lassen sich nicht mehr genau zuordnen. Young zettelt ein Vexierspiel der verschwimmenden Identitäten und zerfließenden Körpergrenzen an. Die Choreografin engagierte Lena Meierkord als ihren Bühnenzwilling, der spindeldürre Alessio Bonaccorsi findet in William Wheeler sein Body-Double. Das Doppelgängermotiv wird hier in Synchronbewegungen übersetzt, oft mit verblüffendem Effekt. Es gibt kein Original mehr, suggeriert Young, das Ich löst sich auf. Also werden die Gesichter gemorpht, Laurie bekommt die Lippen von Lena. „OmU“ hat streckenweise Thesencharakter, findet aber immer wieder groteske Bilder, etwa in den Camouflage-Tänzen, wenn die Kapuzenträger sich selbst zum Verschwinden bringen. Sandra Luzina

KLASSIK

Auftritt

des Sprengmeisters

In Riga soll es sich ereignet haben, ein unerhörtes Wunder, ein Wagner-Wunder. Dort, wo der Komponist einst selbst Musikchef war, hat Andris Nelsons, der 28-jährige Chefdirigent der Lettischen Nationaloper, einen Feuerzauber entfacht, dessen Rauchzeichen bis nach Berlin wehten. Im Januar gab Nelsons sein Debüt an der Deutschen Oper Berlin, die ihn auch für ein Wagner-Konzert zum Saisonende verpflichtete. Der junge Kapellmeister springt auf das Podium der Philharmonie wie ein wahrer Siegfried. Im Bewusstsein seiner Kraft, begeistert drauflos, frei von Mitleid, Rührung, Zweifel. Pralles, drängendes Leben entfacht Nelsons im Orchester der Deutschen Oper, auch so etwas wie einen Wettkampf unter den Stimmen um die akustisch besten Plätze. Das bringt die Dynamik immer wieder schäumend zum Überkochen, selbst in zarten Passagen fällt der Pegelstand nicht unter die Mezzoforte-Marke. Der „Wach’ auf“-Chor aus den „Meistersingern“ gerät so eher zum Versuch, die Gräber der Ahnen zu sprengen denn zu einer Lobpreisung. Eigentümlich keusch das „Tristan“-Vorspiel, gefolgt von einem Liebestod, der selbst eine Prachtstimme wie die von Deborah Voigt hinwegfegen kann.

Von wegen „mild und leise“. In Riga muss das Orchester besorgniserregend schwachbrüstig sein. Vom großen suggestiven Talent Nelsons kündet vor allem der finale Götterdämmerungs-Schoppen. Einbrüche großer Waldeinsamkeit, eine fahle Sekunde null. Dann geht die Welt unter im Geklingel. Ulrich Amling

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