Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Sag mir,

wo die Bärte sind

Einiges hat sich getan bei dieser Band. Vor ein paar Jahren wirkten die Kings Of Leon bei Konzerten wie eine Southern-Rock-Version der Waltons: schüchterne Landeier, die sich hinter Rübezahlbärten und wallender Haarpracht versteckten. Jetzt sind nicht nur die Bärte ab, auch an Selbstbewusstsein mangelt es den Brüdern Caleb, Nathan und Jared und ihrem Cousin Matthew nicht mehr. Zu hymnischem Geschmetter aus Mozarts „Requiem“ stolzieren sie wie Gladiatoren in die Columbiahalle. Es dauert eine Minute, bis das akustische Intro von „Black Thumbnail“ durch Powerakkorde niedergewalzt wird und wildes Getobe vor der Bühne einsetzt. Die Kings Of Leon verschmelzen die Lautstärkekontraste des Grunge mit der Lakonie zeitgenössischer Garagenrocker. Sie spielen präzise und dicht, wobei Nathan, mit 26 ältester der Wanderpredigersöhne, als unerschütterlicher Drummer für die Erdung sorgt. Star dieser Indie-Boygroup ist Sänger Caleb, dessen athletischer Oberkörper die Mädchen zum Kreischen bringt. Seine Stimme, ein besorgniserregend heiseres Krächzen, manchmal zum gellenden Schrei aufsteigend, lässt hoffen, dass er einen guten HNO-Arzt kennt. Für ein sexy gerauntes „God bless you all“ reicht’s nach 80 begeisternden Minuten noch. Jörg Wunder

FOLK

Sag, wo

die Soldaten sind

Kaum zu glauben, dass diese Frau seit fast 50 Jahren Konzerte gibt. Geradezu jugendlich wirkt Joan Baez mit ihren 66 Jahren, in schwarzer Marlene-Hose, weißer Bluse und kurz geschnittenem Silberhaar. Unbefangen bewegt sie sich auf der Bühne der Zitadelle, als wär’s ihr Wohnzimmer. Geht nach vorne, nimmt Blumen entgegen, begrüßt Fans mit Handschlag. Mit der Akustikgitarre steht sie vor dem Mikrofon und singt das „Farewell Angelina“ ihres alten Weggefährten Bob Dylan. Dann ein neuer Song von Elvis Costello: „The Scarlet Tide“ fordert Präsident Bush auf, seine Soldaten nach Hause zu holen. Das leidenschaftliche Engagement gegen Krieg und Gewalt, das die jung gebliebene Sängerin seit 50 Jahren antreibt, wirkt immer noch aufrichtig. Baez scherzt mit dem Publikum, zieht ihre Sandalen aus, um fortflatternde Textblätter aufzuhalten. Schafft ausgelassene Stimmung mit dem Sam-Cooke-Hit „Wonderful World“. Erinnert an den „großen Großvater der Folkmusik“ Woody Guthrie, singt Leonard Cohen, Steve Earle, Tom Waits. Entschuldigt sich, weil sie Deutsch mit bayerischem Akzent singe, sie habe das Lied von einem Bayern gelernt: „Wenn unsere Brüder kommen“ von Konstantin Wecker, noch ein Antikriegssong. Und noch einer: Gemeinsam mit den Fans singt Baez „Sag mir, wo die Blumen sind“. Den Grammy, den sie kürzlich für ihr Lebenswerk verliehen bekam, hat wohl keiner mehr verdient als sie. H. P. Daniels

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