Kultur : KURZ & KRITISCH

Gregor Dotzauer

POESIEFESTIVAL

Karibische Schweine

und italienische Madrigale

Offenbar hat er ein Faible für widersprüchliche Identitäten. Wo man den kosmopolitischen Literaturprofessor erwartet, der an der Boston University unterrichtet, da kehrt er den Sänger seiner karibischen Heimatinsel Saint Lucia hervor. Und wo man den ehrgeizigen Dichter erwartet, der einst zielstrebig den Nobelpreis ansteuerte, da gibt er den Bescheidenen: Zu Anfang seines Versepos Omeros, das sowohl Dantes „Göttlicher Komödie“ wie Homers „Odyssee“ Tribut zollt, will Derek Walcott nicht einmal gewusst haben, worauf er sich einließ. So sitzt er beim Poesiegespräch vor der Premiere von Omeros auf der Bühne der Literaturwerkstatt: taub für Christian Dörings intellektuell fein gesponnene Fragen, sonst aber auskunftsfreudig – und von einer physisch-rhetorischen Direktheit, die daran erinnert, dass oft auch die artistischste Leistung im Staub und dem Pochen des eigenen Blutes ihren Ausgang nimmt. Keine Angst vor meinen 2800 Versen in Hexametern, so scheint er sagen zu wollen. Und erzählt, wie er vor über einem Vierteljahrhundert in einem Hotel auf Saint Lucia saß, die Schweine von der Farm unterhalb quieken hörte und aufs Meer hinausblickte – auf einen Horizont, der ihm so lang erschien, dass er ihn metrisch nachbilden wollte, über das englische Standardmaß des Pentameters hinaus. Tatsächlich wird die Welt der kleinen Fischer in „Omeros“ unmittelbar lebendig.

Im Maschinenhaus der Kulturbrauerei, wo Regisseur Alexander Charim zum Abschluss des Poesiefestivals „Omeros“ in Ausschnitten für zwei Schauspielerinnen, drei Tänzer, ein Streicherensemble und ein Sängerpaar aufbereitet hat, ist davon nichts mehr zu spüren. Schon dass Walcotts Protagonisten Achilles und Hektor ihren Kampf um die schöne Helena mit Frauenstimmen austragen, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Noch viel weniger aber, dass Charim das Epos mit zugegeben exzellent musizierten Teilen von Claudio Monteverdis „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ verschneidet. Ein intertextueller Gewaltakt, der vom Sand auf dem Bühnenboden abgesehen keinen Hauch von Karibik wachruft – und Derek Walcott selbst am ratlosesten zurücklässt. Gregor Dotzauer

POP

Der Katarrh

und die Kriegerin

Beth Ditto hat Husten. Zur Befreierin von allen Rollenklischees des Pop war die Sängerin von The Gossip emporgejubelt worden, und nun sieht sie schon fix und fertig aus, ehe das Konzert im brechend vollen Columbia Club beginnt. Aber Ditto ist eine Kämpfernatur: Sie warnt die ersten Reihen vor Auswurf – „the more Puke, the more Punk“ – und schleudert sich mit ihrer ganzen physischen Wucht in die minimalistischen Garagenrock-Erdbeben, die Hannah Blilie am Schlagzeug und Brace Paine an Gitarre oder Bass lostreten.

Ditto entfacht mit ihrer Stimme ein souliges Inferno, bei dem man bis Janis Joplin oder Aretha Franklin zurückdenken muss. Im Gegenwartspop könnte höchstens Karen O von den Yeah Yeah Yeahs mit dem sexy Kugelblitz aus der US-Provinz konkurrieren. Aber wo deren Ekstase stets kontrolliert wirkt, scheint Beth Ditto von der eigenen Dynamik in eine archaische Raserei mitgerissen zu werden. Kokett bedankt sie sich für die Euphorie des Publikums, initiiert aufrührerische „We want peace“-Chants und kontert voyeuristische Zwischenrufe mit einem genervten „This is a show, not a strip club“. Als sie zum orgiastischen Indie-Hit „Standing in the Way of Control“ in die Menge eintaucht, ist ihre Position nur an hochgehaltenen Fotohandys auszumachen, die sie wie Aasgeier umkreisen. Nach 50 entfesselten Minuten ist das Feuer erloschen, auch minutenlanger Jubel kann die Band nicht zu einer zweiten Zugabe bewegen. Beth Ditto muss ins Bett, verdient hat sie es allemal. Jörg Wunder

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