Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

SHOW

Karneval

der Frisuren

Heut’ Nacht ist das Leben ’ne Pralinenschachtel. Entertainment könnte auch glücklich machen, dem Zerstreuungs-Soufflé Irritation unterheben. Die Fabulous Singlettes wollen nichts als den ungetrübten Sommer unseres Miss-Vergnügens. Drei stimmsichere Komödiantinnen aus Australien – der blonde Traktor, die brünette postjuvenile Zicke, das dunkelblonde ewige Spätgirlie – erinnern sich im Hitparadenformat. Ihr Revival-Trip It’s a party zelebriert im Tipi (bis 12. August) Ohrwürmer von den frühen Stones bis heute. Schräge Mädels auf Boyfriend-Acquise verwandeln sich in Dancing Queens. Bonbonkostüme, schwarzes Spitzenfutteral, wallende Hosen, rotmetallische Pyramiden(b)rüstungen. Turmfrisuren, toupierte Mähnen, lockige Gestecke, Löwenhäupter. Karneval der Frisuren, keep styling!

Das Auge singt mit. Gute-Laune-Zucker für alle. Zoten, Aufreißer-Schoten werden abgefeuert, Marshmallows on stage verschlungen, wie Kamellen ins Rund gepfeffert. Diese Sympathieprofis haben ihr jubelndes Publikum im Griff, schleichen auf Männerhatz durchs Zelt, streichen erregt über manchen Mecki-Schädel. Ihre Lieder freilich lieben sie nicht wirklich. Die Kult-Hymne „I will survive“ verläppert halb-ironisch. Von Sodbrennen im Konfektparadies, von fabelhafter Subtext-Einsamkeit keine Spur. Nur „Ich will keine Schokolade“ entpuppt sich – mit der röhrenden Pointe auf dem Finger, um den Männlein gewickelt werden wollen – als programmatisches Bekenntnis. Thomas Lackmann



FILM

Tanz

der Kavaliere

Das Meer. Pools. Aquarien. Ach, die Sommerfarbe Blau! Und die Sonne scheint auch noch unentwegt, und dazu die weißen Hemden der Schüler der Tadano High School, sofern die Jungs denn überhaupt nennenswert bekleidet sind! Ja, so viel Jugend, so viel Licht: Da ist ein Happyend nicht weit. Bis dahin dauert es allerdings ein bisschen in der japanischen Sommerkomödie Waterboys (zu sehen im fsk-Kino), denn zuerst wollen die für Teenagerfilme typischen Konflikte bewältigt sein: Der Held Suzuki ist der einzige Schwimmer in seiner Schule, was sich schlagartig ändert, als eine junge, überaus attraktive Lehrerin den Schwimmunterricht übernimmt. Da sie für Mädchenschulen ausgebildet ist, gehört zu ihrem pädagogischen Angebot das Synchronschwimmen, auch Wasserballett genannt. Da verlieren die meisten männlichen Nachwuchssportler schnell wieder die Lust. Nur fünf Aufrechte bleiben übrig, um tapfer gegen die Rollenklischees anzukämpfen; beim Schulfest nach den Sommerferien wollen sie beweisen, dass Jungen auch synchron schwimmen und dabei sogar gut aussehen können.

Es wird viel gezappelt und gebrüllt in Shinobu Yaguchis Fast-Groteske, viel mit den Augen gerollt und wild gestikuliert. Der Umgang der Jungen miteinander ist derb und großmäulig, bei der Konfrontation mit Mädchen oder Autoritäten verschlägt es ihnen hingegen die Sprache. Beim Besichtigen des Geplantsches darf man darüber hinaus über die Exportrisiken von Humor nachdenken – oder einfach darüber staunen, wie schnell sich eine krakeelende Horde zweibeiniger Testosteronpakete in eine disziplinierte Wassertanztruppe verwandelt. Deren beachtliche Performance gerät durch Zeitlupen, totale Aufsichten, subjektive Kamera und Unterwasseraufnahmen auch filmästhetisch zur Apotheose. Daniela Sannwald



KUNST

Renaissance

des Ratzefummels

„Seduce, seduce“, singt eine zerbrechliche Frauenstimme in der Videoinstallation von Erla Haraldsdóttir, während die Kamera traumverloren durch südamerikanische Straßen schwebt, um am Tisch einer Wahrsagerin zu landen. Verführung durch das Unbekannte, Schwindelblicke in die Ritzen vermeintlich gesicherter Wahrheiten zeigt die Ausstellung Gegen den Strich im Künstlerhaus Bethanien (bis 15. Juli, Mi bis So 14 - 19 Uhr). Der Titel folgt Joris-Karl Huysmans Roman „A rebours“, der Ende des 19. Jahrhunderts zum Kultbuch der Décadence-Bewegung avancierte. Im passenden sakralen Ambiente der früheren Krankenhauskapelle werden hier Werke vorwiegend in Berlin arbeitender Künstler vorgestellt, die für eine Renaissance der Zeichnung in der Gegenwartskunst stehen. Die elementaren Gestaltungsmittel Papier und Stift laden zur Reflexion über Fragen der Wahrnehmung ein und setzen dem digitalen Perfektionsstreben subjektive Blickweisen entgegen. Bei Yehudit Sasportas, die auch den israelischen Biennale-Pavillon gestaltet hat, durchbrechen großformatige Landschaftspanoramen nach Art japanischer Tuschemalerei Barcodes, die Gitterstäbe der Digitalität. Andere bedienen sich am postmodernen Bilderschatz und beziehen sich auf Symbolismus, Barock und Gothic-Kunst. Erfrischend Debbie Han, die sich auf elegante Weise Erwartungen nach bildnerischem Ausdruck entzieht: Sie bildet Köpfe griechischer Statuen ab – mit Radiergummibröseln. Hier wird nicht die reine Form vom Abfall befreit, der Abfall selbst bildet die Form. Ein ganz eigener Vanitas-Kommentar. Kolja Reichert

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