Kultur : KURZ & KRITISCH

Frank Noack

FILM

Das Blut

des Dichters

Zu den umstrittensten Handlungen von Klaus Wowereit gehörte das Grußwort, mit dem er 2005 das Folsom Europe-Straßenfest eröffnet hat, einen Umzug der Leder- und Fetischszene. Doch nicht Wowereit hatte sich blamiert, sondern die vermeintlichen Tabubrecher. Wer die finsteren Seiten der Sexualität erforschen will, muss sich das nicht vom Regierenden absegnen lassen. So unangemessen es sein mag, die S/M-Szene pauschal zu pathologisieren: Ebenso unangemessen ist ihre Selbstdarstellung als Karnevalsumzug, bei dem die rote Plastiknase durchs Lederhalsband ersetzt wird.

Der bislang beste Film zum Thema kommt aus Argentinien. Weder dämonisiert noch banalisiert er die Szene. Der 30-jährige Pablo (Juan Minujín) lebt in drei Welten. Da sind die Krankenhäuser und Praxen, die er aufgrund seiner HIV-Infektion aufsuchen muss. Mit seiner Krankheit geht er so offen um, dass er sie in Kontaktanzeigen erwähnt. Ihn interessiert keine Liebesbeziehung, sondern ein Meister-Sklave-Verhältnis. Also zieht es ihn in die Folterkeller der schwulen S/MClubs von Buenos Aires. Die dritte Ebene: Pedro ist ein Literat, den niemand drucken will, bis er einen autobiografischen Aids-Roman anbietet. Ein Jahr ohne Liebe ist Krankenhaus-, Sex- und Dichterfilm zu gleichen Teilen. Anahí Berneri hat ihn mit kühlem Blick inszeniert und lässt sich selbst von wüsten Kellerorgien nicht aus der Ruhe bringen. Die Regisseurin vermeidet alle nahe liegenden Fehler: Voyeurismus oder Biederkeit, Trostlosigkeit oder Optimismus. Alles hält sie in der Schwebe. Die Farbpalette hat sie stark reduziert, es überwiegen Blau- und Grüntöne. Selten weiß man, wo eine Szene gerade spielt – wer die Frau ist, mit der Pedro zusammenwohnt, erfährt man erst spät. Rätselhaft ist dieser Film, aber auf anregende Weise (International und Xenon, beide OmU). Frank Noack

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