Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

REGGAE

Det is

’n Juter

Kurz vor Mitternacht wirft P. R. Kantate die Zeitmaschine an. Den Fluxkompensator auf 139 Grad gestellt und ab geht’s zurück in die Zukunft. Destination: achtziger Jahre, die Zeit der Netzhemden und Stonewashed-Jeans. Doch keine Angst: Plattenreiter Kantate hat Stil. Er landet mit schwarzem Pepitahut und blauem Anzug auf der Bühne des Lido. So zeigt er sich auch auf dem Booklet seines gerade erschienenen zweiten Albums „Dick in Jeschäft“, das überwiegend Cover-Versionen von Hits der Achtziger enthält. Der Kreuzberger, um den es seit seinem Sommerhit „Görli Görli“ von 2003 etwas ruhiger geworden war, hat die Songs seiner Jugend auf Berlinerisch nachgedichtet und ihnen geniale Reggae-Dancehall- Outfits verpasst. Mit dem Effekt, dass selbst durchgenudelte ZDF-Hitparaden-Stückchen wie „Karl der Käfer“ (jetzt: „Karl der Kiffer“) plötzlich grooven, wie man es ihnen nie zugetraut hätte. Live klingt das sogar noch druckvoller und schicker als auf CD, denn Einzelkämpfer Kantate hat eine tolle sechsköpfige Band und den Kosänger Iriemann Mannfred dabei. Besonders gelungen ist ihre Adaption des Ideal-Klassikers „Blaue Augen“, dem sie die Aufgekratztheit entziehen und ihn in eine wunderbar schläfrige Stimmung überführen. Mitreißend knallt dann „Dick in Jeschäft“ aus den Boxen – es könnte ein Hit werden. Denn: P. R. Kantate, det is ’n Juter. Nadine Lange

KLASSIK

Die Bekenntnisse

des Johannes B.

Keine leichte Kost serviert Clemens Goldberg bei carte plaisir in der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Zwar sind die Gesprächskonzerte mit anschließendem Restaurantbesuch der reine Genuss vereinigter Kompositionskünste, doch davor haben die Götter den Schweiß der Erkenntnis gesetzt: Brahms’ f-Moll-Klaviersonate ist ein besonders „dicker Schinken“, selten zu hören und dann oft zu bombastischer Undurchdringlichkeit entstellt – „verfehlter Tschaikowsky“, wie Goldberg angesichts der gewaltigen, in extremen Lagen pendelnden Schlussakkorde spottet. Der durch seine „Goldberg-Variationen“ beim RBB-Kulturradio bekannte Musikwissenschaftler zerlegt das Werk in mundgerechte Filets, die delikate Einblicke in Entstehung und Bedeutung erlauben. Goldberg liest es als einen Liebesroman, Echo der schicksalhaften Begegnung des jungen Brahms mit Robert und Clara Schumann. Wie Sehnsucht und Konflikt immer neue Ausprägungen finden und doch aus gleicher thematischer Substanz entwickelt sind, das kennzeichnet ein revolutionäres Werk. Michael Endres, Professor an der HfM, durchdringt es mit Klarheit und Leidenschaft, findet nach anfänglicher Hektik zu immer stringenterem Zugriff. Dem recht grobschlächtigen Flügel gewinnt er erstaunliche Nuancen ab, vielstimmige Piano-Gesänge, welche die Brahms’sche Zartheit und Verletzlichkeit entgegen allen „knorrigen“ Klischees anrührend zur Geltung bringen. Isabel Herzfeld

TANZ

Auch ich war ein Knabe

im rockigen Haar

Wenn zwei Choreografen über 50 sich daran erinnern, dass sie mal jung und wild waren, kann das leicht peinlich werden. Nicht so bei Rubato: Jutta Hell und Dieter Baumann wappnen sich in ihrem neuen Duo Born2bewild (Die Halle, 8. sowie 12.–15. Juli) mit Selbstironie. Und sie trauen sich was! Baumann spielt zum ersten Mal E-Gitarre auf der Bühne, lässt es nach leisen Anfängen richtig krachen. Für den Flashback in die Siebziger fehlen nur noch die strubbeligen Rockermähnen. Also setzen die beiden sich prächtige Moppperücken auf – mit verblüffendem Effekt. Es ist nicht die pure Nostalgie, die Rubato umtreibt. Es ist der Versuch, gelebtes Leben auf die Bühne zu bringen und zugleich die Distanz zu dem eigenen jüngeren Ich deutlich zu machen.

Es ist lustig, anzusehen, wie Rubato die Jugendbewegungen dekonstruiert, dieses Schütteln und Sich-frei-Tanzen von allen Zwängen, und sich dann als Paar mit grauen Haaren wiederfindet. Die Paardynamik zeigt sich auch in den wiederholten Versuchen, die Bühne aufzuräumen. Doch jede neue Ordnung wird wieder lustvoll über den Haufen geworfen. Der Aufbruch der Jugend muss nicht in der Stagnation münden. Rubato ist der Beweis. Sandra Luzina



KUNST

Äpfel, Birnen

und Videos

Während Tino Sehgal redet, sendet der Videobeamer auf die Leinwand hinter dem Künstler die verzweifelte Botschaft: „Kein Signal erkannt“. Der 1976 in London geborene Sehgal weigert sich, seine künstlerischen Handlungen zu dokumentieren. Aufzeichnungen seiner „Situationen“, wie er seine nichtmaterielle Kunst nennt, würden die direkte Ansprache an das Individuum vermissen lassen. Beim Künstlergespräch im Hamburger Bahnhof anlässlich der Nominierung für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst präsentiert sich Sehgal als Kunstproduzent, der über die Bedeutung seines Tuns maximal aufgeklärt ist. Zum ersten Mal bereiten neben der Ausstellung (ab 14.9.) auch Gespräche auf die Preisvergabe am 24. September vor. Sehgal zeigt, welchen Nutzen das bringen kann. Der smarte Choreografie- und Volkswirtschaftsabsolvent bewegt sich tänzerisch durch seine kunstheoretischen Argumentationen, erklärt, warum er auf gar keinen Fall als „Performancekünstler“ wahrgenommen werden will (weil die sich gegen Institutionen und Markt wenden), und schwärmt vom Museum als demokratischer Anstalt. Die ebenfalls nominierte Hamburgerin Jeanne Faust betreibt bei ihrer Vorstellung kleineren theoretischen Aufwand – ihre Arbeit als Videokünstlerin und Fotografin ist eben weit weniger erklärungsbedürftig. Schon diese erste Zusammenkunft zweier Nominierter lässt die Frage aufkommen, wie man derartig unterschiedliche künstlerische Konzepte vergleichen soll (nächstes Gespräch am 12.7., 20 Uhr, mit Ceal Floyer und Damián Ortega). Daniel Völzke

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