Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

ARCHITEKTUR

Ruinen

der Moderne

Vor einem Jahr fand in Moskau eine Tagung zur Erhaltung der Architektur der Moderne statt, die als bahnbrechend bezeichnet werden kann. Bei Heritage at Risk 2006 ging es um die Hinterlassenschaften der sowjetischen zwanziger und frühen dreißiger Jahre, eines Erbes, dessen sich das heutige Russland weder gern erinnert noch pflegend annimmt.

Dass erst jetzt, 14 Monate nach der Tagung, der drei Dutzend Vorträge umfassende, hervorragend bebilderte Tagungsband vorliegt, lässt erahnen, dass es mit der Sache selbst, nämlich der Erhaltung der oft schon unrettbar ruinierten Bauten, noch sehr viel länger dauern wird. Große Versprechungen wurden seinerzeit offiziell abgegeben – von ihrer Umsetzung hört man nichts.

Doch das Bewusstsein ist international enorm geschärft worden, zumal auch in anderen Publikationen wie dem grandiosen Bildband von Richard Pare (Schirmer/Mosel, München 2007, 78 €) endlich die Architektur anschaulich wird, um die es geht. Die triste Gegenwart kommt nun in allen Einzelheiten des Verfalls ans Licht. Um wirksam gegensteuern zu können, bedarf es enormer Anstrengungen. So kam es, dass gerade Berlin als Mitveranstalter der Moskauer Tagung auftrat, sind doch hier Erfahrungen im Umgang mit dem Erbe der zwanziger Jahre, insbesondere bei der Restaurierung der Sozialsiedlungen, gemacht worden, die im heutigen Russland manche Irrwege vermeiden helfen können. Nur muss die Hilfe auch angenommen werden (Heritage at Risk: The Soviet Heritage and European Modernism. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2007. 192 S., engl./russ., 39 €).Bernhard Schulz

KUNST

Phönix

aus der Tasche

Ein komischer Vogel, dieser „Phönix“. Er ist nicht aus der Asche aufgestiegen, sondern aus dem Sperrmüll: der Rumpf ein kaputter Holzstuhl, ein Schnabel aus Wurzelholz, neonbunte Fäden, die das Federkleid ersetzen. Als könnte das Tier davonfliegen, hat die Belgierin Goedele Nobels die Skulptur strahlenförmig mit dem Raum verspannt.

Schauplatz ist ein ehemaliger Kuhstall auf dem Charité-Gelände, den Kuratorin Christiane Grüß seit zwei Jahren als Ort ihres 7hours-Projekts nutzt (Charité, Haus 19, bis 28. Juli, Di-Sa 14-18 Uhr). Vor allem den Skulpturen der 27-Jährigen ist anzusehen, dass Nobels als Assistentin für den Cherokee und Fundstück-Poeten Jimmie Durham gearbeitet hat, der auch schon an diesem Ort ausgestellt hat.

Dies ist ihre erste Solo-Ausstellung. Ob indianisch, jüdisch, buddhistisch, muslimisch: Religion fasziniert die Künstlerin, ohne dass sie ihrem Publikum missionarisch zu Leibe rücken will: „Wenn es beim Betrachter hier und da im Kopf ‚pling pling’ macht, ist schon viel erreicht“, verkündet Nobels – und sie sagt das, als imitierte sie tibetische Gebetsglöckchen. Da scheint sich der Stall mit seinen Stahlsäulenreihen glatt in einen Tempel zu verwandeln. Hinsichtlich formaler Überzeugungskraft ist Nobels Kunst, seien es Installationen oder Mal-Performances auf Video, sicherlich ausbaufähig, sympathisch und unaufgesetzt kommt ihr zwischen lässigem Gestus und strenger Geometrie pendelnder Mikrokosmos allemal daher. Einmal im Jahr baut Goedele Nobels einen neuen Paradiesvogel. Und „Phönix“ strahlt. Jens Hinrichsen

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