Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Prima,

Donna

„Iammmo iammo ia, funicoli funicola“. Das zieht. Auch wenn mehrere tausend Leute die neapolitanische Nummer mitsingen, behält das immer seine südländische Eleganz und hat nichts von tumbem Bierzelt-Gegröle. In dieser Hinsicht hätte sich das Publikum wohl auch nicht alles gefallen lassen, denn am Sonntag ging es bei Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt nicht mehr nur ums schiere Durchhalten unter Regengüssen wie bei der Strauß-Gala am Abend zuvor. Zur Animation des Programms „La dolce vita“ begab sich Moderator Björn Casapietra nach der Pause ins Publikum, und das sang willig bis begeistert mit. Hinter einigen schmucken Quellwolken strahlte der Himmel über den Kuppeln von Deutschem und Französischem Dom noch immer azurblau. Die Anhaltische Philharmonie Dessau unter Marco Boemi rahmte den Abend solide mit Opernouvertüren und Intermezzi von Rossini, Puccini und Leoncavallo ein. Der Mund blieb so manchem vor Staunen offen stehen, als die junge russische Sopranistin Olga Peretyatko in virtuosen Arien von Donizetti und Rossini ihr warm getöntes Timbre mit einem brillanten Koloratur- und Triller-Feuerwerk verband. Tenor Vincenzo La Scola zeigte sich in den Puccini-Schmachtfetzen „Nessun dorma“ und „E lucevan le stelle“ stilsicher und widerstand der Verlockung einer zu subjektiven musikalischen Gestaltung. Dagegen leistete sich der singende Animateur Björn Casapietra so manche Geschmacksentgleisung, nicht nur musikalisch, sondern etwa auch in Form von unechten Gefühlsbekundungen und unpassenden Anspielungen auf italienische Fußballtrainer. Das Publikum kam trotzdem gut in Stimmung; die Nachfrage nach den Casapietra-Fanartikeln am Ausgang war allerdings eher mäßig. Matthias Nöther

KUNST

Und erlöse uns

von dem Blöden

Der holden Maid treibt es die Schamesröte ins Gesicht, während sie im Beichtstuhl hektisch ihre Selbstbezichtigung ableistet. Denn böse Verführer haben versucht, sie mit sexuellen Verlockungen vom Pfad der Tugend abzubringen. Der Priester lauscht ganz ergötzt, oder – nennen wir die Dinge doch beim Namen – aufgegeilt. Die schlichte Aussage der Videoinstallation lautet also: Kirchenmänner sind lüsterne alte Säcke. Sonderlich neu und originell ist das nicht unbedingt. Der Vertreter Gottes, der durch die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse die holde Maid eigentlich retten soll, ist selbst ein schlimmer Finger. Das nennt man gemeinhin Doppelmoral. Oder vielmehr: Das, was der Priester böse nennt, ist gar nicht böse, vielmehr ist das vermeintlich Priestergute böse, weil es unterdrücken will, was der Priester selbst gut findet, schändlicherweise aber böse nennt. Herrje. Solch eine Dekonstruktion der Ausgangslage muss der Besucher der Ausstellung Wir bitten dich, verführe uns! im Haus am Lützowplatz der österreichischen Künstlerin Carola Schmidt (in Zusammenarbeit mit Nhoah Flug und Tine Tillmann) jedoch selbstständig vornehmen. Denn in der Ausstellung (in der man ansonsten etwa die Beichte abgenommen bekommen oder sich auf eine Schaukel setzen kann, die leichte Stromstöße aussendet) werden banale Binaritäten präsentiert, die sich als blasphemische Tabubrüche ausgeben, wie bereits die Verschränkung des religiösen Tonfalls mit dem Verwerflichen im Titel verrät. Die schwammige Utopie einer wie auch immer gearteten Freiheit soll das Gegenmodell zur kirchlichen Unterdrückung liefern, kann hier aber nur mit Sex angefüllt werden. Fallhöhe muss da außen vor bleiben, denn die Ausstellung liefert letztlich nur Gemeinplätze, von deren Wahrheitsgehalt ohnehin fast jeder überzeugt ist. Der Feind ist ganz klar ausgemacht, über den man sich dann lustig macht (bis 28. Juli). Dennis Bertrams

KLASSIK

Die Flöte spielt

die erste Geige

Lang, lang ist’s her: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab Berlin dem europäischen Musikleben entscheidende Impulse. Friedrich II., der musikliebende Preußenkönig, versammelte die virtuose crème de la crème in seiner Hofkapelle: Friedrichs Flötenlehrer Quantz, die Gebrüder Graun, die Benda-Bande, Carl Philipp Emanuel Bach. „Musik am Preußischen Hof“ ließen die Brandenburgischen Sommerkonzerte mit dem Hannoveraner Ensemble „Musica Alta Ripa“ wieder auferstehen, und im Schlosstheater des Neuen Palais auf burgunderroten Samtbänken unter goldenen Palmblättern saß man wie auf Adolf Menzels Gemälde. Was macht es da schon, dass den größten Erfolg ein „Ausländer“ abräumte: Georg Philipp Telemann, als Pate des Bach-Sohnes Emanuel mit Preußen eher lose verbunden, dürfte mit seinem Flötenkonzert C-Dur schon damals das Publikum von den Sitzen gerissen haben. Das gelang auch der Solistin Danya Segal mit farbenreicher Klangpalette und humorvoller, auch durch die Körpersprache mitgeteilter Vitalität. Telemann wagte auch eine der ersten Cellosonaten der Musikgeschichte, bei der Albert Brüggen und Bernward Lohr am Cembalo allerdings eher das Regelhafte der Komposition betonten, in griffiger Wiederholungsstruktur Wegbereiter einer Art „Barock-Pop“. In kühnster Harmonik und endlosen Seufzerketten revoltiert dagegen Emanuel Bachs Violinsonate d-moll gegen alle Konvention, ist reiner, persönlicher Ausdruck; Georg Anton Bendas hochvirtuoses Cembalokonzert h-moll wiederum platzt förmlich vor Temperament und sinnlicher Klangfantasie. Ein wenig angestrengt bewältigt der Cembalist seinen schwierigen Part. In der musikalischen, plastisch gestalteten Vielfalt zeigt sich die Flöte besonders lebendig: in Agostino Steffanis Suite aus der Oper „La Lotta d’Hercole“ (Kampf des Hercules) besonders reizvoll in ihren Varianten von Piccolo bis Alt, empfindsam in der „Sonata da camera“ B-Dur von Johann Gottlieb Janitsch. Am preußischen Hof spielte die Flöte eben doch die erste Geige. Isabel Herzfeld

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