Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Kleine Bilder,

große Wirkung

Alfred Kerr, der große Berliner Theaterkritiker, dichtete 1908 für ihn: „Niederwärts das Haupt gewendet,/ Sitzt der Künstler hochbegabt,/ Und das Licht ist abgeblendet,/ Weil er an der Platte schabt.“ Hermann Struck, dem diese freundschaftlichen Zeilen galten, gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den vielversprechendsten Grafikkünstlern Berlins. Nun ist Struck, der 1922 nach Eretz Israel auswanderte, in einer Berliner Ausstellung wiederzuentdecken: Das Open Museum in Tefen (Israel), das Hermann-Struck-Archiv in Tel Aviv und die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum haben sich zusammengetan, um den 1876 geborenen Berliner, der 1944 in Haifa starb, dem Vergessen zu entreißen (Oranienburger Straße 28-30, bis 19. August, Katalog 49 €).

Einerseits war Struck, der seit 1904 Mitglied der Berliner Secession war, in der liberalen Gesellschaft der Reichshauptstadt bestens vernetzt. Andererseits rang er als Zionist früh um „jüdische“ Themen. Während einer Reise in seine künftige Wahlheimat entstanden 1903 kleinformatige Radierungen, die Martin Buber später die „ersten wirklich künstlerischen Palästinalandschaften“ genannt hat. Bekannt wurde er mit „jüdischen Charakterköpfen“, radierte oder lithografierte Porträts anonymer ostjüdischer Gelehrter, Talmudschüler und junger Frauen, denen Struck in Berlin oder während seines freiwilligen Kriegsdienstes ab 1915 in Russland begegnet war. Daneben entstanden Bildnisse prominenter jüdischer und nichtjüdischer Zeitgenossen: Theodor Herzl, August Bebel, Gerhart Hauptmann, Albert Einstein. Struck, der auch nach seiner Übersiedlung bis 1933 jeden Sommer in Berlin verbrachte, versuchte in Israel vergeblich, an frühere Erfolge anzuknüpfen: Sitzt der Künstler hochbegabt, und das Licht ist abgeblendet ... Michael Zajonz

ROCK

Große Brüder,

kleine Brüder

Die Popgeschichte hat ein kurzes Gedächtnis. Vor nicht allzu langer Zeit waren The Coral eine große Britpop-Hoffnung, ihr Debütalbum galt dem New Musical Express als eine der besten Platten des Jahrgangs 2002. Als Vorband der Arctic Monkeys erwecken sie nun mit ihrem leicht antiquierten Sixties-Pop den Eindruck älterer Brüder, deren Anwesenheit auf der eigenen Party einem etwas peinlich ist, auch wenn sie früher die Beschützer vor den Schulhof-Rowdies waren. Den Arctic Monkeys, vier provozierend unauffälligen Anfangzwanzigern aus Sheffield, schlägt in der Columbiahalle die Begeisterung Tausender entgegen: Mädchen kreischen, Jungs schubsen, Bierbecher fliegen, über das Menschenmeer wogen immer wieder Crowdsurfer mit verrenkten Gliedmaßen. Bei der Band kann man einen rasanten Reifungsprozess beobachten. Die juvenile Verspieltheit ihrer ersten Auslandsauftritte vor rund anderthalb Jahren ist einer natürlichen Lässigkeit gewichen, die sich in einem freieren Umgang mit dem eigenen Material äußert. Souverän bauen sie zusätzliche Haken und Breaks in die ohnehin verschachtelten Songs ein, deren Hitpotenzial auch auf der zweiten Platte ungebrochen bleibt. Stücke wie das dreschflegelhaft rasende „Brianstorm“ oder das um einen Ska-Rhythmus wirbelnde „This House is a Circus“ schließen nahtlos an die Qualitäten des grandiosen Debüts an. Unerreicht bleibt die Intensität ihrer Ausgeh-Hymne „I Bet You Look Good on the Dancefloor“, die in einem metallischen Funkenregen explodiert. In 80 schweißtreibenden Minuten werden die Arctic Monkeys ihrem Ruf als Britpop-Sensation der Stunde mehr als gerecht. Hoffentlich haben sie noch eine Weile was davon. Jörg Wunder

KUNST

Kleine Räume,

große Blicke

Im Abendrot ruht die „Havellandschaft" von Walter Leistikow. Der Blick ins Tal streift Baumwipfel und eine hochragende Kiefer, ganz unten strömt der silberne Fluss dahin. Ein herrliches Bild. Ein durchaus vergleichbares Panorama bietet ein Fensterblick aus der Villa Thiede am Wannsee, die seit 2006 den Kunstsalon der Berliner Secession beherbergt (und damit einen Besuch der Liebermann-Villa nebenan trefflich ergänzt). Acht malende Mitglieder waren bis zur Secessions-Gründung 1898 in der „Vereinigung der XI“ organisiert, die in den farbig gefassten Räumen der Villa ebenfalls berücksichtigt wird (Am großen Wannsee 40, bis 31. Oktober, Di-So 11-18 Uhr).

Schon die „Elf“ wollten sich von der Wilhelminischen Kunstauffassung absetzen und „ein bisschen Erfrischung, ein bisschen Erregung" (Leistikow) in die Hauptstadt bringen. Diesem Programm werden Arbeiten von Franz Skarbina oder Ludwig von Hofmann voll gerecht, ebenso die farbkräftig-impressionistischen Blumenstillleben aus der Werkstatt George Mossons. In den Fokus ist der Maler Hans Herrmann (1858-1942) gerückt, der zu den weithin Vergessenen der Kunstgeschichte gehört. Seine Impressionen vom holländischen Hafenleben sind dennoch sehenswert: Lebendige Passantenszenen an einer Amsterdamer Gracht wechseln sich mit Küchenstillleben mit nassglänzendem Kabeljau ab. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf eine umfangreiche Einzelschau mit Herrmann-Gemälden, die für das kommende Frühjahr in der Villa Thiede geplant ist. Jens Hinrichsen

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