Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Regen

gibt es heute nicht

Ende 1968 brachte eine amerikanische Band als erste Single eine Coverversion von Dale Hawkins’ „Suzie Q“ heraus. Und man dachte: Hey, das klingt noch besser als die Version der Rolling Stones. Langsamer, sumpfiger, mit einem unwiderstehlichen Gitarrenriff. Creedence Clearwater Revival hieß die Gruppe aus Kalifornien, John Fogerty ihr Sänger und Gitarrist. Ende der 60er-Jahre wurde CCR zur Band mit den meisten Plattenverkäufen weltweit. Ende 1972 löste sie sich auf.

Lange her, viel passiert inzwischen. Alle älter geworden. Auch die Fans in der Zitadelle Spandau. Aber dann stürmt Fogerty auf die Bühne, als wäre nichts gewesen, fast jugendlich mit 62 Jahren, im blauweißkarierten Cowboyhemd, mit Jeans, Stiefeln und wehenden BeatlesHaaren. Lässt Riffs aus einer elektrisch grünen Gitarre krachen, springt ans Mikro: „Travelin' Band“. Furioser Beginn. Die mitreisende Band stützt den Chef mit einer Rhythmuswand aus Bass, Schlagzeug, Hammond B3 und zwei bis drei Gitarristen. „Let's have fun and play some Rock 'n' Roll“. Machen sie. „Green River“. Alle wippen, swingen, schaukeln, singen. „Who'll Stop The Rain“. Regnet nicht. Chuckiger Rock 'n' Roll. Fogerty spielt feinen Country-Twang auf einer roten Tele: „Lookin' Out My Backdoor“. Jetzt sollen mal die Fans singen, „Cotton Fields“, a cappella, während Fogerty dirigiert. Dann er: Gitarre, twang-twang, lässig, cool. Gibt einen Appetitanreger zum nächsten Album. „Summer Of Love“ lebt von Reminiszenzen an Cream und Hendrix, als hätte er die Songs „Sunshine Of Your Love“, „White Room“ und „Purple Haze“ neu zusammengesetzt. Die beiden kleinen Fogerty-Söhne mit großen Les-Paul-Gitarren rocken eine Runde mit Papa: „Down On The Corner“, bevor der noch halbes Dutzend weiterer Hits hinterherjagt. „Rockin' All Over The World“. Immer wieder schön! H.P. Daniels

KUNST

Leise tropft

der Bademantel

Der Hirsch röhrt nicht. Kohei Nawa hat Kopf und Geweih des ausgestopften Tiers mit farblosen Glasmurmeln besetzt. Wie noch ein weiterer Japaner reiste Nawa vor zwei Jahren im Rahmen des Austauschprogramms Art Scope nach Deutschland, während zwei deutsche Kollegen nach Tokio gingen. Die Arbeitsergebnisse bei DaimlerChrysler Contemporary können sich sehen lassen (Haus Huth, Potsdamer Platz, bis 9.9., Mo-So 11-18 Uhr). Katja Strunz lässt im Ausstellungsraum ein Wäldchen aus 132 Figurinen wachsen. Die Unikate sind aus Rezeptionsklingeln, Kerzenständern oder Aschenbecher zusammengebaut. Ambivalenter Titel: „Einladung zur Angst“. Auf den Selbstmordversuch von Robert Schumann bezieht sich eine Assemblage von Georg Winter. Im Zentrum tropft ein nasser Bademantel (Schumann wurde aus dem Rhein gefischt), auf dem Boden liegen japanische Erdbeben-Schutzhelme, ein signaloranges Sprungtuch und Fotoapparat-Dummys. Romantischer Weltschmerz trifft fernöstliches Industriedesign. Auf einem Performance-Video von Hiroharu Mori agitieren fünf Tokioter Cheerleader lautstark für die Kunst. Auslöser war Moris Eindruck, Berlin sei für die zeitgenössische Kunst besonders aufgeschlossen. Nehmen wir´s als Liebeserklärung … Jens Hinrichsen

HIPHOP

Dicke Hose,

fette Beats

Fünfzehn Jahre ist es her, seit der Wu-Tang Clan aus New York die HipHop-Welt eroberte – mit einem genialen Masterplan. Erstens: In das Umfeld eindringen und mit verschrobenen Kampfstilen Verwirrung stiften. Zweitens: Die Paranoia von Superhelden-Comics mit der Mythologie von Kung-Fu-Filmen zu einem unbesiegbaren Superwitz verdichten. Und: Nach dem musikalischen Sieg eine Modemarke auf den Markt bringen und mehr Klamotten verkaufen als Tommy Hilfiger.

Nachdem vor drei Jahren mit Ol' Dirty Bastard die schillerndste Figur des Rap-Kollektivs an einer Überdosis verstorben ist, haben sie sich nochmals zusammengetan und mit „8 Diagrams“ ein neues Album angekündigt, dessen Veröffentlichung noch aussteht. Geduld brauchen die Fans auch in der Columbiahalle, bevor ihre Maulhelden im XXL-Schlabberlook auf die Bühne treten: RZA, GZA, Raekwon, Ghostface Killah, Inspectah Deck, Cappadonna, U-God und Masta Killa. Halbwegs synchron zelebrieren sie ihren Stakkato-Rap, während gewaltige Digital-Bässe aus den Boxen wummern und ein DJ mit Scratch-Einlagen und Aufzugs-Dingeling an alte Zeiten erinnert. Auch wenn die Nuancen der Soundwerke der Bühnentechnik zum Opfer fällt: Die Verschmelzung von dicker Hose, fetten Beats und starken Reimen ist eine Leistung. Alles verdichtet sich zu einem orgiastischen Brei, den man nur als großen Wumms wahrnehmen kann – Hip-Hop, der wie Sackhüpfen funktioniert und problemlos mit der hiesigen Jugend korrespondiert, die katatonisch Song für Song aufnimmt und mit den Armen winkt. Dabei ist die Klinge des Wu-Tang-Clans schon schärfer gewesen und der Method Man hat sich vor dem Auftritt mal wieder abgesetzt. Ein weiteres Indiz für den allgemeinen Zusammenbruch? Noch ist nichts verloren: In sechs Wochen kommt die Kelly Family. Volker Lüke

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