Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Luger

POP

Pause vom

Weltschmerz

Was war das für ein Spaß, als Joel Gibb aus Toronto mit seinem losen Bandkollektiv Hidden Cameras 2003 ein Album voller offenherziger Texte über seine Homosexualität herausbrachte. Spaß deshalb, weil explizite Zeilen über Schwulensex in simple, euphorisierende und unverschämt melodiöse Folk-Pop-Hymnen eingewoben waren und potenziell vom Kleinkind bis zum Rentner jeden zum Mitsingen brachten. Der Durchbruch blieb dann freilich aus, obwohl die folgenden Alben dem Debüt in Sachen Versautheit und Pop-Appeal um nichts nachstanden. Im Lido steht neben der achtköpfigen Band auch ein in Kutten gehüllter Chor auf der Bühne, dessen Mitglieder sich – um die sakrale Komponente sofort wieder auszuhebeln – nach getaner Gesangsarbeit in die Menge werfen. Damit ist das Abtasten zwischen Band und Publikum erledigt, bevor die Hidden Cameras überhaupt beginnen, ihre verspielten, temporeichen und opulenten Kracher auf die Zuhörerschaft loszulassen. Gibb, momentan Wahlberliner, verzieht beim Singen pathetisch das Gesicht, der Geiger springt, schreit und ist im Umgang mit seinem Instrument der Gewalttätigkeit nahe, und der Rest der Band wechselt ständig von einem Bühneneck ins andere, vom Bass zum Keyboard, vom Schlagzeug zum Glockenspiel. Dieser Dynamik kann man sich kaum entziehen, und deshalb geraten Hidden-Cameras-Konzerte immer wieder zu ausgelassenen Partys abseits üblicher Indie-Schwermut. Der Weltschmerz braucht ja auch mal Pause.Michael Luger

ARCHITEKTUR

Windschutzscheibe

vorm Kopf

Es war die pure Lust an der Revolution, die die „Situationistische Internationale“ (SI) antrieb: „Wir meinen zunächst, dass die Welt verändert werden muss“, hieß es 1957 im Gründungsmanifest. Ihr Ziel war es, neue – städtische – Situationen zu schaffen. Fünfzig Jahre später erlebt der situationistische Ansatz eine Renaissance, dem sich die Architekturzeitschrift Arch+ (Nr. 183, 14 €) unter dem Titel Situativer Urbanismus widmet. Anstelle vorgefertigter Konzepte ist im Städtebau zunehmend ein situativer Planungsansatz zu beobachten. Er nimmt sich der Charakteristik eines Ortes und seiner Einwohner an und bezieht sie in die Planung ein. Doch dafür muss die Stadt in ihrer Vielschichtigkeit wahrgenommen werden. In einem wuseligen Einführungsteil stellt Arch+ die Geschichte der SI vor sowie verschiedene Stadterkundungsstrategien: vom bewussten Verlaufen bis zur Promenadologie, die einst der Schweizer Lucius Burckhardt erfand. Die Windschutzscheibe vor die Augen haltend, erkundete eine Gruppe „Windschutzscheibenspaziergänger“ ihre Umwelt – die Provokation der traditionellen Stadtnutzer eingeschlossen. Dem Intro folgt ein praktischer Teil mit Beispielen situativer Stadtplanung. Etwa David Adjayes „Idea Stores“, die als Londoner Lernzentren eine Alternative zu traditionellen Stadtbibliotheken bieten. „Elemental“ ist ein Pilotprojekt in Chile, bei dem ein Wohnhausraster je nach Vorliebe Raum für individuelle – situative – Erweiterungen lässt. Jürgen Tietz

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