Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

KUNST

Wo die Käfer

baumeln lernen

Wichtigste Erkenntnis am Ende dieses mühsamen Abends im Hamburger Bahnhof: Ceal Floyer leidet wohl unter extremer Schüchternheit. Zweitwichtigste Erkenntnis: Damián Ortega hat den Hauptteil seiner ästhetischen Erziehung im VW-Käfer genossen, auf der Fahrt zur Schule durch Mexiko-Stadt. Später wurde er als Künstler bekannt, der das mexikanische Lieblingsauto zerlegt, umstößt, begräbt. Nachdem in der vergangenen Woche Jeanne Faust und Tino Sehgal vorgestellt wurden, enttäuscht die als Gespräch angekündigte zweite Präsentationsrunde der Nominierten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, der am 27. September verliehen wird.

Die Künstler kommen kaum zu Wort. Ceal Floyer, die wie alle Preisanwärter in Berlin lebt, ist wegen familiärer Angelegenheiten unpässlich und wird durch Jonathan Watkins von der Birminghamer Ikon Gallery vertreten. Der zeigt Filme und Fotos ihrer Arbeiten: eine Performance, bei der sie vor Publikum an ihren Nägeln kaut, einen neben die Tür projizierten Lichtschalter, einen Kassenbon an der Wand einer leeren Galerie. Der Hang zum Wegducken in Floyers Werk ist nicht zu übersehen. Je minimalistischer ihr Ausdruck, desto ausufernder das Lob Watkins. Ortega, der in der Finalisten-Ausstellung (ab 14.9.) einen Film zeigen wird, muss sich zwar nicht vertreten lassen. Doch Friedrich Meschede lässt dem Stipendiaten seines DAAD-Büros durch suggestive Fragen kaum Spielraum und verhindert am Ende auch eine Stellungnahme zum naheliegenden Vorwurf aus dem Publikum, der Mexikaner habe die Idee zu seinem in Einzelteilen aufgehängten Käfer beim Düsseldorfer Künstler Stefan Sous, nun ja, abgeschaut. „Bei wem?“, fragt Ortega. Da übernimmt schon wieder Meschede. Daniel Völzke

KUNST

Wo die Schläfer

wachgekitzelt werden

Mal ehrlich. Wer liest in der U-Bahn schon Hegel, Heidegger oder Husserl? Eben. Man möchte schläfrig noch die letzten Momente der Freiheit genießen, ehe man vom Arbeitsalltag angesogen wird. Und dann das: Die Arbeitsgruppe U2 Alexanderplatz der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst will einem den frühmorgendlichen Dämmer tatsächlich vermiesen, indem sie diesen öffentlichen (Transit-) Raum mit Kunst infiltriert. Die eindimensionale Funktionalität dieses Ortes soll unterwandert werden.

Derzeit zeigen die Hintergleiswerbetafeln unter dem Titel Life Extreme Videostills der Performance-Künstlerin Nezakat Ekici. Da stakst ein Frauenbein in Pumps aus einem Heuhaufen heraus. Oder die Künstlerin schlitzt mit Atemmaske Kissen auf. Oder sie lässt sich mit Farbe übergießen. Die Bilder bleiben rätselhaft und der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen. Er wird so zum Zentrum, zum eigentlichen Thema dieser Kunst: Schließlich regt Nezakat Ekicidochs Bilderreigen zum Nachdenken über das eigene Rezeptionsverhalten an. Und plötzlich ist der Fahrgast wach, ob er nun will oder nicht.Dennis Bertrams

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