Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Schüsse schnappen

Hubschrauberfliegen ist nicht so leicht. Man braucht Hände und Füße dazu und eine Menge Koordination. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Schlagzeug: Die vier Perkussionisten von Twotone & Two ließen im Rahmen der Brandenburger Sommerkonzerte jetzt einen Helikopter der besonderen Art aufsteigen. Russell Pecks’ „Lift off“ imitiert den Anflug eines solchen Technikwunders durch drei im Raum verteilte Schlagzeugsets. Und wirklich glaubt man, dass Rotorblätter sich in das Zellengewölbe der mittelalterlichen Senftenberger Peter-und-Paul-Kirche erhöben, meint Wendemanöver des Fluggeräts mitzuerleben. „CaDance“ des Kaliforniers Andy Pape könnte man mit „Es rockt“ übersetzen, und tatsächlich sind in dieser Musik ein Fluss, ein Groove, eine Seele, die staunen machen. Spartanisch zu Beginn, mit hölzernen Schlägen auf den Trommelrand, weitet sich das Klangfeld bald, schwingt sich ein und scheint endlich zu singen. Ali N. Askin, der ehemalige Keyboarder von Frank Zappa, hat in „Snap/Shot“ quasi die Parodie zur Kammermusik für Schlagzeug geschrieben: Durch Walzerrhythmus und Trommelwirbel gelangt das Stück zum zeremoniellen Klang des Glockenspiels – einer der fesselnden Momente des nachmittäglichen Auftritts. Ein Kräftemessen der aus lockerer Hand hingeworfenen Ping-Pong-Bälle führt zu einem Unentschieden. Mit einem Fingerschnipser endet ein genialisches Stück Musik. Matthias Nikolaidis

 

ARCHITEKTUR

Rosetten retten

Dank der weltweit viel beschäftigten big names der Ingenieurbaukunst – Jörg Schlaich oder Werner Sobek – gilt Baden- Württemberg als bundesdeutsche Ingenieurschmiede. So hat sich rund um Stuttgart eine innovative Szene etabliert, deren Arbeit die Berlin Ingenieurkunst Galerie nun unter dem Titel Schöpferische Vielfalt vorstellt (Burgstraße 27, bis 12. August). Das neue „Van Technology Center“ für Daimler in Stuttgart der „Ingenieurgemeinschaft Gölkel“ beispielsweise ist ein Bürokomplex, der als Brücke über einer doppelgeschossigen stützenfreien Werkstatthalle verwirklicht wurde – eine High-Tech Konstruktion, die ohne eine Computersimulation im Maßstab 1:1 undenkbar gewesen wäre. Die „Ingenieurgruppe Bauen“ hat für das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel das Tragverhalten der historischen Natursteinsäulen und Deckengewölbe untersucht und die Tragwerke ertüchtigt. Besonders faszinierend ist die bestandsschonende Instandsetzung einer späthistoristischen Fensterrosette in Bad Cannstatt, die durch massive Risse bedroht war. Mit einer zusätzlichen Stahlrosette ist es dem Büro „Bewer Ingenieure“ dort gelungen, den Druck von dem historischen Fassadenornament zu nehmen und es so zu retten. Jürgen Tietz

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