Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Hojotoho

an der Orgel

Am Berliner Dom ringelten sich die Interessenten bis fünf vor acht in den milden Abend hinein – in der Hoffnung, noch eine Karte für das einzige Tourneekonzert des Dresdner Kreuzchors zu erhaschen. Um fünf nach acht zog dann die Prozession der Jünglinge vom Seitenschiff her in den Dom ein. Und auch das Programm, das die 80 Kruzianer – zwischen neun und neunzehn Jahren – zu bieten hatten, schlängelte sich von den Quellen der abendländischen Chormusik elegant bis in die Moderne. Kraftvoll und kontrastreich interpretieren die Chorknaben die geistlichen Motetten von Heinrich Schütz, die ein schlichtes, aber wirkungsvolles Evangelium predigen. Unter der Leitung des Kreuzkantors Roderich Kreile steigern sich die Dissonanzen so schön, dass man noch gar nicht satt davon ist, als die Kruzianer schon zur Schlusswendung ansetzen.

Den Klassikern bot die Moderne Paroli: An der Orgel gestaltete Andreas Sielig das kuriose „Kyrie“ des Finnen Harri Viitainen, das mit walkürenhaften Hojotoho-Rufen begann, mit munteren Tanzrhythmen fortfuhr und sein Ende im stillsten Herz-Jesu-Ton fand. Dagegen trug das „Veni creator“ von Krzysztof Penderecki eine Aura der Kälte. Von Erlösung sangen hier nur die großen Glockenschläge und das warme Amen des Dresdner Kreuzchors. Matthias Nikolaidis

KUNST

Pinselflug

übers Papier

Das Potenzial der Wasserfarbe ist in der Bildkunst immer ein wenig unterschätzt worden. Doch gerade die Aquarelle der Künstlergruppe „Die Brücke“ überrumpeln den Betrachter mit einer anderen, vorwiegend expressiven Formensprache. Zum „Erlebnis Farbe“ lädt das Brücke-Museum in seinem 40. Jubiläumsjahr ein (Bussardsteig 9, bis 2. 9., Mi.–Mo. 11–17 Uhr). Und einmal mehr zeigt sich hier, dass Ernst Ludwig Kirchner auch im Aquarell einen Sonderweg beschritt. Der eigenwillige Kopf der kurzlebigen, aber lange nachwirkenden Vereinigung ließ den wässrigen Pinsel übers Papier fliegen wie einen Zeichenstift. Trotz kräftiger Farbflächenkontraste auf dem Blatt „Fränzi mit Bogen und Akt“ (1910) dominiert die farbige Linie – die sich in Kirchners späten Jahren dann noch weiter vom Gegenstandsbezug befreit.

Die Spontaneität des Aquarellmalens liebten die „Brücke“-Genossen seit der Schulzeit. Fritz Bleyl und Max Pechstein aquarellierten schon im Gymnasium in Zwickau mit Leidenschaft; Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff hatten die Wasserfarbe im Chemnitzer Kunstunterricht kennengelernt. Am nachhaltigsten wirkte sich das wohl bei Schmidt-Rottluff aus. Seine farbkühnen, äußerst dicht gemalten, von schwarzen Umrandungslinien beherrschten Arbeiten sprengten die tradierten Regeln der Gattung: ein Hauptmeister der Aquarellkunst, der ergänzend auch in der Einzelschau im Kunstforum der Berliner Volksbank zu erleben ist (Budapester Straße, bis 5.8.). Jens Hinrichsen

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