Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK ’N’ ROLL

Wenn Akkorde

emsig ackern

Er ist der Erfinder der Rock-’n’-Roll-Gitarre, der mit seiner speziellen Mischung aus Swing, Blues, Country und Shuffle Generationen von Gitarristen geprägt hat. Entsprechenden Jubel erntet Chuck Berry, als er die Bühne der Zitadelle betritt. Er düdelt ein kleines, verschrägtes Intro auf der dunkelroten Gibson, und schon ist er mittendrin im großen Berry-Kanon, den betörenden Klassikern der Rock-’n’-Roll-Geschichte. Wie in „School Day“ kann der 80-Jährige immer noch trefflich die Nöte und Freuden von Teenagern illustrieren, mit rauer Stimme und spitzen Gitarrenschreien. „Around And Around“ und „Memphis“ sind 50 Jahre alte Songs, die nichts verloren haben an Eleganz und augenzwinkerndem Humor. Wie schon bei seinem letzten Berlin-Auftritt vor zwei Jahren gibt Berry ihnen wieder eine Punknote. Mit hartem Gitarrensound und einzelnen Tönen, bei denen man sich fragt, ob es schiere Freude an der Demontage von Hörgewohnheiten ist, wenn Berry sie immer wieder in atonale Schräglagen zieht. Wenn er zwischendrin schreiende Missakkorde aus dem Timing hämmert, um kurz darauf wieder geradlinig abzurocken. Seine Tochter Ingrid bläst eine wilde R-&-B-Harmonica, Charles Berry jr. hilft seinem Vater mit Gitarrensoli aus, während die Begleitband sich nicht aus dem Tritt bringen lässt. Die Zitadelle bebt, die Fans bezeugen Chuck Berry enthusiastisch Respekt. Kaum jemand hätte ihn mehr verdient. H. P. Daniels

KUNST

Wenn nur Zahlen

wirklich zählen

Funkensprühend durchschießt ein Feuerschweif schwarze Unendlichkeit. Der Grafitexzess „Das Paradies des Herrn Cantor“ bildet das Herzstück einer Serie aus Texten, Geheimschriften und Zeichnungen, die dem Mathematiker Georg Cantor huldigen, dem manisch-depressiven Begründer der Mengenlehre hinterlassen. Die in Berlin arbeitenden Künstler Michael Müller, David Hatcher und Christine Würmell geben in der Ausstellungsreihe Ortsbegehung im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) verschlungenen, abstrakten Ideen und Denksystemen Gestalt (bis 19. August, Chausseestr. 128/129, Di.–Fr. 12–18 Uhr, Sa. + So. 14–18 Uhr). Ihre Bilder und Installationen sind anspruchsvoll und gewissenhaft, häufig allerdings auch heillos überfrachtet. Am meisten überzeugen die Arbeiten, die überraschende Verbindungen entdecken lassen. Der Neuseeländer Hatcher kopiert Diagramme und Skizzen aus Wittgenstein-, Kant- oder Deleuze-Büchern. Christine Würmell lässt den Visualizer eines iTunes-Musikprogramms auf Patti Smith und John Lennon reagieren. Das Wort „Power“ in „People Have the Power“ und „Power to the People“ knallt in bunten New-Age-Mustern über die Monitore. Eine Idee kann durch kleinste Kontextverschiebungen kraftlos werden. Darauf spielt auch der Titel der von Astrid Mania kuratierten Schau an: Der aufklärerisch anmutende Slogan „Ein Produkt des freien Willens“ ist einer Werbung entlehnt.Daniel Völzke

KLASSIK

Wenn drei Grazien

Großes geben

Die Eltern von Lisa, Angela und Melinda Lee müssen stolz gewesen sein, als ihre Töchter mit dem gemeinsamen Musizieren begannen. Inzwischen drängt es die Schwestern aus San Francisco längst auf große Konzertpodien: so sehr, dass es eng wird im Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumenten-Museums, als sie die Anfangsakkorde von Brahms c-moll-Klaviertrio in den Raum wuchten. Im Brillanten und Energetischen ist das Trio, das 2002 in London debütierte und nun zu den Sommermatineen der Gotthard-Schierse-Stiftung nach Berlin eingeladen wurde, am meisten bei sich selbst. Wobei es stets die Pianistin Melinda ist, die mit ihrem entschlossenen Anschlag die Führung übernimmt. In solchen Momenten verbinden sich Angelas Cello und Lisas Violine zu einem schimmernden Ganzen. Ist allerdings häuslichere Intimität angesagt, ziehen sich die drei noch zu oft auf ihre jeweiligen Zimmer zurück; dann hört man aufdringlichen Klavierklang in die Stube schallen, in der die Cellistin ihre feinsinnigen Studien treibt, während die Violinistin vermittelnd von Tür zu Tür läuft. Am großen Potenzial des Ensembles ändert das nichts: Wenn die Lees mehr auf ihre gegensätzlichen Stärken achten, werden sie durchschlagenden Erfolg haben. Carsten Niemann

KLASSIK

Wenn die Knaben

kühner kieksen

Erst kamen Zweifel auf, ob die riesige katholische Kirche St. Peter und Paul in Potsdam der richtige Ort für ein Konzert des Windsbacher Knabenchors sei. Trotz des protestantischen Programms – mit drei Bach-Kantaten und dem Magnificat D-Dur – waren die Zweifel weniger konfessioneller Art. Vielmehr fanden die Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin zu Beginn der ersten Kantate „Man singet mit Freunden vom Sieg“ nicht gleich optimal zusammen. Doch koordinierten sich die Musiker schnell, nicht zuletzt dank des exquisiten Dirigats durch den Windsbacher Chorleiter Karl-Friedrich Beringer. Mit dem Einsatz des Chores mussten dann alle Zweifel verfliegen, dass dieses ausverkaufte Brandenburgische Sommerkonzert ein besonderes würde: Wann hat man in einer Live-Aufführung zuletzt die chorischen Anfänge von Kantaten wie „Singet dem Herrn ein neues Lied“ oder „O ewiges Feuer“ mit vergleichbarer Präzision, klanglicher Tiefenschärfe und Ausdifferenzierung der Stimmgruppen gehört? Aus dem Solistenquartett ragte vor allem Rebecca Martins Mezzosopran hervor, doch auch mit Cornelia Horak (Sopran), Andreas Weller (Tenor) und Konrad Jarnot (Bass) standen klug ausgesuchte und stilsichere Stimmen zur Verfügung. Matthias Nöther

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