Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Hängt an der Wand,

weist Wege durchs Land

Roter Kreis auf weißem Grund – die Flagge Nippons hat japanische Plakatgestalter immer wieder zu Ausdeutungen und grafischen Pointen angeregt. Das Zickzack schwarzen Nähgarns, mit dem Rot und Weiß ruppig vernäht sind, lässt an Baukräne oder Architekturen denken („Rebuild Japan“); der rote Kreis zerfließt, blutet aus (ein Umweltschutzplakat) oder wandelt sich zur flammenden Kugel („Burn out, Japan?“).

Kritisch, raffiniert und einfallsreich zeigen sich Japanische Plakate heute in der Kunstbibliothek, wobei die 128 Beispiele von 24 Grafikern bis zu 50 Jahre alt sind – und immer noch frisch wirken (Kulturforum am Potsdamer Platz, bis 2. September, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa und So 11–18 Uhr, Katalog 14,50 €).

Ende der fünfziger Jahre begannen japanische Designer die Ästhetik ihrer Kultur mit Einflüssen der westlichen Kunst zu verbinden. An den Exponaten, die ausnahmslos aus den Tokioter „DNP Archives of Graphic Design“ stammen, lassen sich internationale Tendenzen vielfach ablesen: das Faible für Op-Art in den Sechzigern, surreale Fotomontage bis in die Achtziger, der Triumph der Computergrafik in den Neunzigern.

1994, zum 200. „Jahrestag“ des geheimnisumwobenen Holzschnittmeisters Toshusai Sharaku, ließ der Plakatdesigner Katsui Mitsu einen typischen Sharaku-Kopf unscharf verschwimmen und setzte Mund und Augenpartie gestochen scharf in den Vordergrund. Computerkunst. Die Betonung kann dabei getrost auf „Kunst“ liegen, denn in Japan wird die Plakatgestaltung weit höher geschätzt als in Europa. Jens Hinrichsen

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