Kultur : KURZ & KRITISCH

Jean-Michel Berg

LITERATUR

Der Liebling

von Kreuzberg

Hoffnung, sagte Heiner Müller, ist ein Mangel an Information. Bei Jurek Becker klang das ähnlich und war doch anders gemeint. In seinem Roman „Jakob der Lügner“ erwächst aus der Lüge die Hoffnung, die der Mensch zum Überleben braucht. Vor zehn Jahren starb der Autor, an den das Literaturforum im Brecht-Haus nun mit einer Jurek-BeckerWoche erinnert. Zu sehen gab es unter anderem den Defa-Film „Jakob der Lügner“. Die Geschichte von Jakob, der die Bewohner eines polnischen Ghettos mit falschen Nachrichten über die nahenden russischen Befreier versorgt, war zunächst ein Drehbuch. Erst nachdem es abgelehnt wurde, formte Becker daraus ein Stück Weltliteratur. 1974 wurde es doch verfilmt und brachte der DDR ihre einzige Oscar-Nominierung ein.

Im Gespräch erinnerte der Dramaturg Gerd Gericke an diesen Autor, der lange vor „Das Leben ist schön“ den Holocaust auch komisch verarbeitete. Er erzählte, wie Becker während der Dreharbeiten die amerikanische Umsetzung des Stoffes voraussagte – die 25 Jahre später, mit Robin Williams zum Thriller mit HappyEnd getuned, auch stattfand. Tatsächlich war es Jakob ja nicht gelungen, die Russen herbeizulügen. Aber der Film ist ein Stück deutsch-deutscher Kulturgeschichte: Heinz Rühmann durfte den Jakob nicht spielen, das Politbüro wünschte keine gesamtdeutsche Geste. Heute zeigt das Literaturforum noch die Verfilmung des Romans „Schlaflose Tage“. Am Freitag liest Christian Brückner zusammen mit Christine Becker, der Witwe des Schriftstellers, aus den hochironischen Briefen des Autors. Jean-Michel Berg

ALLTAGSKULTUR

Post

unter Palmen

Briefkästen sind faszinierende Gehäuse. Was durch ihren Schlitz wandert, kann in wenigen Tagen in Lissabon oder Buenos Aires sein. Das zumindest verheißt der stilisierte Vogel, ein beliebtes Symbol der französischen oder ecuadorianischen Post: grenzenlose, schnelle Kommunikation. Zugleich aber haben Briefkästen etwas rührend Antiquiertes in Zeiten der E-Mail-Revolution, die der romantischen Briefkultur den Garaus gemacht hat. Dass Briefkästen nun in Museen einziehen, ist das sicherste Anzeichen ihres Denkmalcharakters. Für die Ausstellung Briefkastenkultur im Museum für Kommunikation (Leipziger Str. 16, bis 2.9., Di.–Fr. 9–17, sonst 10–18 Uhr) hat Andrea Metzen Briefkästen und Fotografien aus aller Welt zusammengetragen. Sie dokumentieren den Alltagsgegenstand als Inventar der Stadtlandschaft oder – wie im afrikanischen Inselstaat Sao Tomé – unter Palmen. Natürlich setzt die meist staatliche Post mit ihren Kästen nationale Markierungen. Spanien, Dänemark oder Schweden halten mit den Symbolen Posthorn und Krone die Monarchie hoch, Indien gibt sich mal kunstvoll-verspielt, dann ramponiert-verrostet. Die traute Zweisamkeit eines englischen Säulenbriefkastens und seines eckigen Pendants bezeugt die koloniale Vergangenheit von Trinidad und Tobago. Den deutschen Kasten (nach der Reichseinigung 1871 preußischblau, unter Hitler rot und erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelb) sollte man sich genau ansehen. Wenn erst das Briefmonopol der Deutschen Post fällt, könnte er sich rar machen in unseren Städten. Steffen Richter

KUNST

Jesus

und die Spiegeleier

Hinter den Spiegeln werden Schaufensterpuppen lebendig: Grell geschminkte Nackte stützen ihre Arme selbstbewusst in die Hüften, gerieren sich als Schwestern der aggressiven Pin-ups von Helmut Newton oder der gemalten Lacklederamazonen von Allen Jones. Die Betrachterinnen hat Michail Schnittman in seinen Malzyklus „Im Hinterspiegelland“ (2007) mit integriert – Frauen aus der ukrainischen Heimat des Künstlers, Kopftuchträgerinnen, die zu den Schaubusenbesitzerinnen aufblicken. Verachtend, gleichgültig oder neidisch? Das geht im Wischeffekt der Ölmalerei unter.

In der Schwartzschen Villa setzt der 1953 in Odessa geborene, seit 1989 in Berlin lebende Maler auf Kontraste (Grunewaldstraße 55, bis 19.8., Di–Fr u. So 10–18, Sa 14–18 Uhr). Das Alte Testament kommentiert die moderne Konsumgesellschaft, Erzengel Gabriel trifft auf Chicken Wings. „Nicht vom Brot allein“ heißt eine Assemblage aus 15 Ölformaten, auf denen aufreizende Girls, Spiegeleier, der gekreuzigte Jesus und Abstrakter Expressionismus aufs Seltsamste miteinander verquirlt werden. Maltechnisch ist Schnittmann ein Könner. Auf der Sollseite mangelt es den Arbeiten oft an künstlerischer Haltung. Ein Ernst Wilhelm Nay nacheiferndes, tachistisches Ölbild („Illusion“, 2003) wirkt da dann einfach nur bunt. Jens Hinrichsen

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