Kultur : Kurz und schmerzhaft

Überall kann Kino sein: Das Forum Expanded der Berlinale versammelt politische Film-Experimente

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In völliger Dunkelheit. Annika Larssons Film „Blind“ beobachtet blinde Fußballspieler. Foto: Berlinale / Forum Expanded
In völliger Dunkelheit. Annika Larssons Film „Blind“ beobachtet blinde Fußballspieler. Foto: Berlinale / Forum Expanded

Eigentlich ist die gesamte Berlinale längst ein Festival Expanded. Seit Dieter Kosslick vor zehn Jahren das Ruder übernahm, gibt es Sonderreihen für Kinder und Nachwuchsfilmer, Köche und Food-Aktivisten sowie einen BerlinaleKindergarten. Und es gibt eine Reihe für die Kunst – was für die Berlinale, die sich mit dem Internationen Forum eine eigene Sparte mit dem Schwerpunkt Independent- und Experimentalfilme leistet, selbstverständlich ist.

Wo Regisseure zu Gast sind wie der Kanadier Guy Maddin, der dieses Jahr in der Wettbewerbs-Jury sitzt und in der Kanadischen Botschaft neue Kurzfilme zeigt; wo der Experimentalfilmer John Benning, New Yorks Independent-Guru Jonas Mekas und die Grande Dame des feministischen Films Barbara Hummer im Festivalprogramm laufen, ist die Grenze zur bildenden Kunst längst überschritten. Hinzu kommt, dass eine Grenzgängerin zwischen Kunst, Literatur und Film wie Miranda July im Wettbewerb vertreten ist und mit Isabella Rossellini eine Jurypräsidentin gewählt wurde, deren „Green Pornos“ mit ihren liebevoll gebastelten Kulissen und Kostümen mindestens mit gleichem Recht im Kunst- wie im Filmkontext wahrgenommen werden. Schließlich ist nicht umsonst Pierre Huyghes Film „The Host and the Cloud“, der am 13. Februar als Weltpremiere im HAU 2 gezeigt wird, in Koproduktion mit der Documenta entstanden, die ihn im Sommer ebenfalls zeigen wird.

Das Forum Expanded also: Gegründet wurde es vor sechs Jahren, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass immer mehr Regisseure ungefragt Filme zum Forum einschickten, die nicht den Regularien des Festivals entsprachen. In den ersten Jahren war die Reihe ausgezogen, die Galerien der Stadt als Nebenspielplätze des Festivals zu erobern. Dahinter stand die Hoffnung, jenseits des Festivaltreibens am Potsdamer Platz ein Publikum zu erreichen, das vielleicht nicht unbedingt im Kino, wohl aber in den Galerien zu finden ist. Wenn man sich inzwischen wieder mehr auf die eigenen, kinoaffinen Räume zurückgezogen hat, ist das, so Spartenleiterin Stefanie Schulte-Strathaus, keineswegs damit zu erklären, dass man das Galerien-Experiment für gescheitert erklärt. Das angebotene Filmmaterial, auf welches das ohne Ausschreibung agierende Forum Expanded angewiesen ist, sei in diesem Jahr einfach weniger experimentell ausgefallen. Nicht mehr die Auseinandersetzung mit dem Medium, mit Celluloid und Digitalisierung, Found Footage und Super 8 stehe aktuell im Vordergrund, sondern viel mehr eine Politisierung des Genres.

Wie punktgenau man damit gelandet ist, hat die Kuratoren dann selbst überrascht. Angesichts der dramatischen Ereignisse in Tunesien, Ägypten und der übrigen arabischen Welt haben gleich mehrere der Filme neue Dringlichkeit bekommen. Das gilt für Mohammadreza Farzad, der in „Into thin Air“ auf der Basis eines minutenkurzen Laienfilms die Ereignisse rund um eine niedergeschlagene Demonstration während der iranischen Revolution 1979 untersucht. Was wäre aus den Menschen geworden, die dort von Schüssen niedergemäht oder von panischen Mitdemonstranten niedergeworfen worden sind? Ein verzweifelter, eindringlicher Versuch, jenen ein Gesicht, eine Vita zu geben, die ihr Leben im Aufstand gegen das Regime riskiert haben. Die Parallelen zur Gegenwart – sei es im Iran oder in Ägypten – sind offensichtlich.

Ganz ähnlich gilt das für den deutlich experimentelleren Kurzfilm „The Story of Milk and Honey“ von Basma Alshaqrif aus dem Libanon. Aus Familienfotos, Straßenaufnahmen aus Beirut und anderen Materialfunden versucht der Künstler, eine Liebesgeschichte zu bauen. Doch die Auseinandersetzung um Identität und Nation lässt ihn immer wieder scheitern. Und ein drittes Beispiel: „Carrying Pictures“ von Tom Holert geht von der Beobachtung aus, dass bei Demonstrationen oft großformatige Fotografien, sei es von Machthabern, sei es von Opfern, mitgetragen werden. Die Annahme, dass die Demonstranten damit rechnen, dass diese Bilder ihrerseits wieder zum Gegenstand von Pressefotografen und Medienberichterstattung werden, führt den Zuschauer, der solche Fotos oft genug selbst in den Nachrichten gesehen hat, in einen verwirrenden double bind.

Ob diese Filme und Filmexperimente nun im Arsenal-Kino am Potsdamer Platz gezeigt werden oder in einem leer stehenden Ladenlokal, in der Kanadischen Botschaft oder dem vom Forum Expanded okkupierten „Salon populaire“ (Bülowstr. 90): Macht das einen Unterschied in der Wahrnehmung? Ist eine Projektion wie Wendelien van Oldenborghs „Pertinho de Alphaville“, wo Näherinnen in der Nähe von Sao Paulo befragt werden, die Jeans für H & M oder C & A herstellen, trotz seiner Mischung aus Interview-Tonspur und Diaprojektion nicht im Kern eine klassische dokumentarische Arbeit? Ist Santiago Sierras Zweistunden-Film, der die Reise der zwei Buchstaben „NO“ rund um die Welt begleitet, nicht eher eine Aktion als ein Film?

Annika Larssons „Blind“ über ein blindes Fußballteam, der in einem Raum in der Potsdamer Straße 88 gezeigt wird, ist hingegen eine klassische Videoinstallation. Und ist auch Raphael Griseys nächtliche Tour durch Budapest zu den Monumenten nationaler Größe, die begleitet wird von einer beunruhigen Tonspur voller grölender Parolen von Ultrarechten, nicht trotz der Kinoprojektion eine am besten im Loop zu zeigende Installation? Wem es bei den ganzen Grenzgängen schummerig wird, der mag sich getrost im Foyer des Arsenal ausruhen, wo die ansonsten am Moritzplatz beheimateten Prinzessinnengärten eine Installation aus Beeten und Holztischen aufgebaut haben. Ein paar von Guy Maddins geisterhaften „Hauntings“ gibt es auch.

Ein eindrücklicher Kommentar zur Lage der Kunst und ihrer Korrumpierbarkeit durch Macht ist schließlich Rene Frölkes 40-Minüter „Führung“, der einen Besuch des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler im ZKM in Karlsruhe dokumentiert. Die uninteressiert in der Kunsthochschule herumstehenden Bodyguards, die liebedienerischen Gesprächsangebote der Professoren Peter Sloterdijk und Peter Weibel und Köhlers jovialer Versuch, sein offenkundiges Desinteresse damit zu überspielen, dass er alle Themen auf Finanzkrise und Börsenkrach herunterbricht, das ist ein hoch komisches und entlarvendes Porträt deutscher Institutionenlandschaft. Der arme Student, der seine visuelle Versuchsanordnung plötzlich im Finanzkontext wiederfindet und dazu Stellung nehmen soll, kann einem nur leid tun. Dass Köhler nur ein einziges Kunstwerk wirklich zu begeistern vermag – ein interaktives T-Shirt, das in fremden Ländern für den Touristen Sätze übersetzt –, ist bezeichnend. Denn das ganze Forum Expanded ist ein Plädoyer dafür, dass solche Übersetzungsversuche überflüssig sind.

Infos unter: www.arsenal-berlin.de

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