Kurzkritik :  KURZ  &  KRITISCH 

Badelt Mahlke Daniels

KLASSIK

Akkorde wie Schwerter: Zagrosek und das Konzerthausorchester

Die Programmhefte des Konzerthausorchesters machen ihrem Namen alle Ehre: Sie entwerfen ein Programm, konstruieren sinnfällige Zusammenhänge zwischen Stücken, deren Entstehung oft hundert Jahre oder mehr auseinanderliegen. Dieses Mal geht es um Erinnerung, ein wesentliches Element von Musik, die sich ständig auf das bezieht, was war. Der Schweizer Komponist Beat Furrer hat mit „Phaos“ und „Canti notturni“ eine Vorahnung und ein Echo auf sein 2005 in Donaueschingen uraufgeführtes Hörtheater „Fama“ geschrieben. Das erste Stück wird durch an- und abschwellende Tonbewegungen strukturiert. Als es brutal an sein Ende kommt, setzen wie eine kleine Sensation zwei Soprane (Isolde Daum und Susanne Leitz-Lorey) ein, gegen die das Orchester ganz zurücktritt.

Das wiederholt sich in Schumanns Klavierkonzert a-Moll, diesem romantischen Wunderwerk mit den langen Erinnerungsbögen, das Martin Helmchen anfangs fast zu zärtlich, im dritten Satz aber mit genau der richtigen geschmeidigen Härte und in schönem Zusammenspiel mit Lothar Zagrosek am Pult interpretiert. Dessen Stunde schlägt bei Brahms 4. Symphonie, die ebenfalls von der Erinnerung vor allem an Johann Sebastian Bach, aber auch von der Ahnung einer neuen musikalischen Moderne lebt. Zagrosek beherrscht die Klangmassen souverän, die dynamische Spannung erwächst bei ihm wie selbstverständlich aus dem musikalischen Geschehen. Sein Brahms ist an diesem Abend ein Kraftmensch, der vor Selbstvertrauen strotzt und die Akkorde wie Schwerter in die Erde rammt. Ein Finale, das noch einige Zeit in Erinnerung bleiben dürfte. Udo Badelt

ROCK

Peng. Peng. Peng: Social Distortion in der Zitadelle

Punks, Rockabillys, Psychobillys, Heavy-Metal-Freaks und Alt-Rocker strömen auf die Zitadelle. Die unterschiedlichen Szenen werden von Social Distortion mobilisiert. Der gemeinsame Nenner heißt schwarze Klamotten, Tattoos und „Underground Rock’n’Roll“. Der wird ihnen von der kalifornischen Band auch gleich heftig eingehämmert. Mit scharfen Gitarrenriffs und athletischen Luftsprüngen. Lederne Songs vom harten Leben in die Menge geballert, umgewandelt zu schierer Energie. Peng. Peng. Peng. „The Creeps“, „Another State Of Mind“, „Mommy’s Little Monsters“, „Sick Boys“. Sauber hintereinander weggeknallt, ein kleiner Querschnitt aus den Achtzigern, in denen die Band diverse Male umbesetzt wurde und der Sänger und Gitarrist Mike Ness wegen seiner damaligen Heroinsucht immer wieder Zeiten in Gefängnissen und Entzugskliniken absitzen musste. Heute steht er da wie eine Eins, breitbeinig rock’n’rollerig, mit seiner Gibson Les Paul. Er ist der Einzige, der noch dabei ist von der ursprünglichen Band, die er 1979 als Siebzehnjähriger in Orange County gegründet hatte. „Hello everybody“, sagt er, „it’s a bit early for a rock’n’roll show.“ Rocker scheuen das Tageslicht, aber über der Zitadelle steht noch die Abendsonne am blauen Himmel. Zu hell für Rock’n’Roll. „Don’t drag me down, motherfucker!“ Und schon nageln sie die nächste Runde Songs in die wabernde Menge, wirbeln über die Bühne. Jonny Wickersham mit dem peitschenden Rhythmus seiner weinroten Les-Paul-Junior, Brent Harding mit rasant aus dem Bass geballerten Achteln und Adam Willard, trefflich treibender Trommler.

Social Distortion sind eine kompakte Band mit erstklassigem Sound, immer exakt auf dem Beat, präzise auf der Note, auf dem Vorzieher, auf dem Abschlag. Mit dieser attraktiven Mischung aus Hochspannungsenergie und betörenden Melodien unter dem Einfluss von Ramones, Clash, Johnny Thunders, Stones, Chuck Berry, Johnny Cash und Hank Williams. Begeistert werfen die Fans ihre vollen Bierbecher in die Luft, Dusche für die Massen, singen hymnische Oh-ho-ho-Chöre. Nach anderthalb Stunden ist es immer noch hell, und man fragt sich, ob es am unrockigen Ambiente liegt, dass am Ende der Eindruck entsteht, irgendwas habe da doch gefehlt zum letzten Kick. H.P. Daniels

KLASSIK

Letzte Worte: Deborah Voigt

zu Gast beim DSO

Ein Wunschkonzert mit tieferer Bedeutung erklingt zum Saisonfinale des Deutschen Symphonie-Orchesters. Ingo Metzmachers Themenschwerpunkt „Aufbruch 1909“ wird gleichsam noch einmal umkreist, dabei sind die Kompositionen von der Art, die Philharmonie rappelvoll mit Klassik-Gourmets zu besetzen. Und der Chefdirigent tritt dafür ein, dass die schönen Stücke einem inneren Kontext folgen: „La Mer“ als wesenbestimmendes Naturelement Debussys, „Tod, Sterben, Untergehen, Nichtmehrerwachen“ in Wagners zukunftsmächtigem „Tristan“-Drama, das seine Handlung übers Meer führt, „Meereshorizont“ bis zum Schluss, dann letztes Adagio und „Letzte Lieder“ von Mahler und Strauss.

Die Attraktion, die zum Wunschkonzert gehört, heißt Deborah Voigt. Sie wird umjubelt, obwohl und weil sie trotz hörbarer Indisposition singt. Es lässt sich daher schwer beurteilen, wie es um die Stimme der Wagner- und der Straussheldin aktuell bestellt ist. Hinter ihrer Mühe mit Isoldes Schlussszene steht eine hymnische Interpretation des „Liebestodes“. Voigts Lerchensopran fällt in die späten Strausslieder ein: Ist das überhaupt ihre Welt, Hermann Hesses „Zauberkreis der Nacht“? Bleibt das Orchester: Die Blicke der Musiker machen nicht den Eindruck, als klammerten sie sich an eine Autorität am Pult. Der konturenzeichnende Maestro bringt Debussys Ozeanbild kaum zum Funkeln, es klingt seltsam pauschal, das „Tristan“-Chroma nicht sensationell. Zwei hervorragende Konzertmeister wechseln die Plätze, der Hornist brilliert, die Homogenität der Bratschengruppe im Mahlersatz ist zu bewundern. Dennoch fällt es schwer, derzeit besondere Eigenschaften des Teams Metzmacher/DSO auszumachen. Sybill Mahlke

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