Kurzkritik : Neues Leben für die Philarmoniker

Mit Mahlers fünfter Sinfonie überzeugen die Berliner Philarmoniker einmal mehr unter Simon Rattle.

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Mahlers Fünfte, dieses zerklüftete Riesengebirge zwischen Trauermarsch und Jubelsturm, ist ein guter Indikator dafür, wie es um die Berliner Philharmoniker und ihren Chef steht. Simon Rattle wählte das Werk zu seinem Einstand in Berlin 2002, führte es zuletzt 2004 in der Philharmonie auf und immer wieder bei gemeinsamen Tourneen. Zuerst schaltete er der Fünften Zeitgenössisches von Thomas Adès voran, dann Alban Bergs zartes Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ – und nun Henry Purcells „Funeral Music of Queen Mary“. Barocker Trauergestus, fahle Trommelwirbel, Bläserchoräle. „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe“, intoniert der Rias-Kammerchor gestochen scharf umrissen.

Die ideale Einstimmung auf Mahler, der für seine Fünfte intensiv Alte Musik studierte, ein Trommelgrollen durch die Jahrhunderte, ein genau markierter Absprungpunkt ins Leben. Denn dahin drängt es Rattle und seine Philharmoniker. Dafür zäumen sie die Fünfte, „das verfluchte Werk“ (Mahler), stringent von hinten auf. Litt der Philharmoniker-Einstand daran, dass Rattle mit grimmiger Wucht versuchte, den finalen Triumph durch möglichst viele ertrotzte positive Passagen zu stützen, entfaltet sich die Fünfte jetzt weitaus entspannter, mit riesigem Atem. Rattle, der mit Mahlers Werk musikalisch und menschlich so vertraut ist wie wenige, muss diese Musik nicht mehr mit Nachdruck interessant machen, braucht keine biografischen Dramen zu bemühen, kein spektakuläres Seitenlicht anzuknipsen. Seine Sicht auf Mahler wächst mit dem gemeinsam gemeisterten Repertoire, aus dem Zuwachs der philharmonischen Farbpalette, dem genauen Ausloten der musikalischen Fliehkräfte. Die Fünfte gewinnt so eine tiefe Lebendigkeit, einen wahren Rausch an Details, die Frucht von Jahren des Suchens und auch Scheiterns. In dieser kaum zu bändigenden Fülle leuchtet Mahler rätselhafter denn je zuvor. Wir folgen ihm weiter. Unsere kurze Zeit, voller Unruhe.

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