Kultur : Kurzmeldungen

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Kariös

KUNSTGEWERBE

Von der Siegessäule bis zum Reichstag sind es knapp drei Meter, das Brandenburger Tor musste auf die Entlastungsstraße weichen, sonst würde es den Weg für die Besucher versperren: Im Zuckermuseum (Amrumer Str. 32, Wedding) stehen hochkalorienhaltige Gebäudeskulpturen in Glaskästen auf einem Teppichboden, der den Berliner Stadtplan imitiert. „Süßes Berlin" nennt sich die Ausstellung, die bekannte Berliner Bauten zeigt: in Zucker gegossen, gebaut und geblasen. Der Reichstag präsentiert sich als weißes Gemäuer aus 911678 Stücken Würfelzucker im Puppenhausformat. Bauzeit: 600 Arbeitsstunden. Die Zuckerstücke wurden geschnitzt und geschliffen, um exakt geformte Fensterrundungen und Treppenstufen zu ergeben. Ein kleines Mädchen mit rotkarierter Mütze drückt die Nase an der Reichstag-Glasvitrine platt und lässt in Gedanken Playmobilfiguren durch das Hauptportal laufen. Ob die Figuren später erzählen, wie es im Plenarsaal aussieht? Die Kongresshalle gleicht einem schneebedeckten Ufo, das beleuchtet werden kann, die Victoria, die mit goldenen Alufolien-Flügeln auf einer 12,5-Kilo-Zuckerplastik thront, kommt in Marzipan etwas grobgliedriger daher als ihr bronzenes Vorbild am Großen Stern. Dünn wie Garn ziehen sich an einigen Bauwerken Zuckerfäden als Fensterkreuze durch kleine Öffnungen, fein gearbeitete Skulpturen schmücken die Miniatur-Fassaden. Wer vor der Berliner-Dom-Plastik in die Knie geht, entdeckt ein buntes Zuckerfries am Eingangsportal. Meister des Zuckerbaus ist Georg Bittner, seit 1994 Küchenchef der Berliner Schlosspark-Klinik, von ihm stammt ein Großteil der gezeigten Figuren. So appetitlich hat Berliner Architektur noch nie ausgesehen, man würde sie am liebsten gleich aufessen. Regenscheue Berlinbesucher und Liebhaber der Zuckerbäckerkunst können noch bis zum 1. Februar den süßen Geheimtipp entdecken, mitten im Wedding, der ansonsten auf der Touristen-Geschmacksskala eher niedrig gehandelt wird (Mo-Do 9-16.30, So 11-18 Uhr). Dorte Hunecke

Elefantös

YOUNG EURO CLASSIC

Echt tierisch fiel der dritte Abend des Young Euro Classic Festivals im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aus: Ein fröhlich in den europäischen Sternenkranz trompetender Elefant ist diesmal das Maskottchen des Jugendorchestertreffens und darf als schlappohriges Plüschexemplar bei den Konzerten in der allerersten Reihe sitzen, oben auf dem linken Bühnen-Boxenturm. Zum steingrauen Gesellen passte die Anekdote, die Maybrit Illner erzählte: Als Patin des Orchestra Giovanile Italiana berichtete die Fernsehmoderatorin von einem Erlebnis in der Arena di Verona, wo sie vor ein paar Jahren „Aida“ erlebte, Giuseppe Verdis so oft missverstandenes Meisterwerk, das in Gigantinszenierungen regelmäßig mit dem Auftritt leibhaftiger Dickhäuter aufgepeppt wird. Eher dürr wirkten an diesem Arena-Abend dagegen die Massenszenen - die Mehrheit der Choristen hatte sich nach dem ersten Akt zu einem spontanen Streik entschlossen! Von der sprichwörtlichen italienischen Lust zur organisierten Arbeitsverweigerung war am Sonntag nichts zu spüren, im Gegenteil: Hätte Dirigent Gabriele Ferro den Konzertmeister schlussendlich nicht eigenhändig hinausgeführt, die italienischen Musiker und ihre Fans im Saal hätten wohl bis in die Morgenstunden weitergejubelt und -getrampelt. Dabei ließ sich das Gastspiel gar nicht so vielversprechend an: Luigi Boccherinis 1797er Konzertversion des nächtlichen Madrider Zapfenstreichs rumpelte mit eher elefantöser Grazie vorbei. Das Flötenkonzert von Goffredo Petrassi beflügelte fantasiebegabte Konzertbesucher da schon mehr: Wie ein Kolibri im Urwalddickicht bewegte sich der exzellente Solist Giampaolo Pretto mit wunderbar klarem, reinen Ton durch die modische Komposition von 1960. Die verweigert sich zwar jeglicher melodischer Gegenständlichkeit, lässt dem Hörer in ihrer splittrigen Struktur aber dennoch Raum für eigene Assoziationen. Von bodenständigem Federvieh handelt Maurice Ravels Märchensuite „Ma mere“ nur im Titel, denn die Geschichten, die er seine „Mutter Gans“ erzählen lässt, betören durch ihre schwebende Leichtigkeit. Hier bewiesen die jungen Italiener, dass sie auch con delicatezza spielen können, vor allem die Holzbläser zeigten Sinn für klangfarbliche Feinheiten. Elegant startete schließlich Ravels „Bolero“ - bis der Dirigent Gabriele Ferro zum Tanzbären mutierte und das Orchester auf maximale Lautstärke hochpeitschte. Mit dem gewünschten Effekt: „Bravo“-Salven hallten durch den Saal, so lange, dass nicht nur der halbe „Bolero“, sondern auch das Boccherini-Stück wiederholt werden mussten. Frederik Hanssen

Heute Abend gastiert das Orchester der Universität Thessaloniki im Konzerthaus, am Mittwoch gibt es den ersten Kammermusikabend des Festivals, jeweils um 20 Uhr.

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