Kultur : Kurzmeldungen

Er war der einflussreiche Theoretiker unter Amerikas Architekten, privat interessieren ihn Baseball und Sumoringen. Heute feiert Peter Eisenman, der das Denkmal für die ermordeten Juden Europas entwarf, seinen 70. Geburtstag „Ich bin kein Holocaust-Sammler“

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Von Christina Tilmann

Was ihn interessiert, kann er genau benennen: Fussball, populäre Schallplatten der 50er, 60er Jahre, Comicfiguren, Sumoringen – kurz alles, was zur populären Kultur gehört: „Ich kann Ihnen alle Teams der japanischen Baseball-Liga aufzählen“, hat er mal in einem Interview erklärt, und angeboten, statt über Architektur lieber über Schalke 04 zu reden. Seltsame Vorlieben für einen, der als Theoriepapst der 60er Jahre gilt, sich seiner Freundschaft mit dem Philosophen Derrida rühmt und stolz erzählt, dass er gemeinsam mit dem französischen Poststrukturalisten ein Buch geschrieben habe. 20 Jahre lang hatte Peter Eisenman an dem von ihm gegründeten New Yorker „Institute of Architecture and Urban Studies“ alles unterrichtet, was später in der Architekturwelt Rang und n haben sollte – und selbst kaum mehr Häuser gebaut, als sich an einer Hand abzählen lassen. In seinen Essays verbinden sich die Sprachtheorien Noam Chomskys mit der Welt der französischen Strukturalisten zu einem dichten, schwer verständlichen Denksystem. „Eisenman hatte seine Linguistik genossen, und zwar nicht zu knapp“, polemisiert Tom Wolfe in der legendären Streitschrift „From Bauhaus to our house“. „Mit einem einzigen Satz konnte er jeden Menschen ins Dreieck verfrachten.“

Der emotionale Effekt

Wäre es dabei geblieben, Eisenman wäre als einer jener Architekten in die Geschichte eingegangen, deren theoretische Wirkung einem vergleichsweise schmalen Oeuvre gegenübersteht. Le Corbusier war so einer, der stärker als Theoretiker wirkte und auf dessen weiße Villen rund um Paris sich Eisenman ausdrücklich bezieht. Daniel Libeskind, Zaha Hadid sind Beispiele aus unseren Tagen. Auch Eisenman hatte bis Anfang der 80er Jahre nur wenige Häuser gebaut, weiße, reduzierte Villen in den kalifornischen Hügeln, die er der Einfachheit halber als „Eisenman I“, „Eisenman II“ durchnummerierte. „Eisenman war Corbu, wenn Corbu jemals nach Holland gefahren wäre und sich von Gerrit Rietveld hätte hypnotisieren lassen“, beschrieb Tom Wolfe die strukturelle Komplexität dieser Villen. Von den „New York Five“ oder den „Whites“, wie die Architektengruppe rund um Richard Meier, Michael Graves und Eisenman wegen ihrer Vorliebe für weiße Bauten genannt wurden, war letzterer sicher derjenige, deram wenigsten baute und am meisten Wirkung besaß.

Doch dann kam Berlin. Der Auftrag, in unmittelbarer Nachbarschaft des Pariser Platzes ein Mahnmal für Europas ermordete Juden zu entwerfen, mag mit inzwischen rund 25 Millionen Euro ein vergleichsweise kleiner Fisch sein. Andere Projekte Eisenmans wie das Terminal der Staten-Island-Fähre, das Football-Stadion in Arizona, eine Sportarena in Arkansas sind 600-Millionen-Dollar-Projekte. Doch Berlin und der Streit um die Entwürfe zum Holocaust-Mahnmal haben ihn berühmt gemacht.

Das Thema war für den heute vor 70 Jahren als Kind einer jüdischen Mittelstandsfamilie in Newark geborenen Eisenman zunächst kein Wunsch. Fragen nach seiner persönlichen Beziehung dazu weist er fast zornig zurück: „Ich bin kein Holocaust-Sammler. Und ich war nie daran interessiert, ein jüdischer Architekt zu werden. Ich bin ein amerikanischer Architekt, der zufällig ein Jude ist.“ Vieles im „Konzentrationslager-Business“ widerstrebe ihm als Kitsch. Was Eisenman jedoch nicht davon abhält, Bilder für das von ihm entworfene Stelenfeld zu finden, die sich ebenso nah am Rande des Kitsches bewegen: Das „wogende Kornfeld“, in dem sich der Besucher verliert, das Gefühl der Heimatlosigkeit und Vereinzelung, das in dem mehr als mannshohen Säulenwald aufkommen soll – Zeichen einer Architektur, die auf emotionale Effekte zielt und weniger auf Theorie als auf Symbolik gegründet ist.

Eisenman, der Theoretiker. Eisenman, der Symboliker. Daneben gibt es – auch das eine Erkenntnis, die aus der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal erwachsen ist – den Pragmatiker, der sich und seine Entwürfe wie ein Chamäleon allen Wünschen seiner Auftraggeber anpasst. Der erste Mahnmal-Entwurf, gemeinsam mit dem Bildhauer Richard Serra erdacht, gefiel nicht, die deutschen Politiker wollte Änderungen. Serra stieg verärgert aus, Eisenman beugte sich, baute um: Statt 4000 Betonstelen nur noch 2700, dafür ein Saum aus Bäumen um das Gelände und etwas lichtere Zwischenräume. Dann kam Michael Naumann als Kulturstaatsminister, erklärte kurzerhand, das Mahnmal gefalle ihm nicht, und forderte ein mindestens ebenso großes Museum daneben. Schließlich einigte man sich auf einen unterirdischen „Ort der Erinnerung“.

Die Garage unterm Stelenfeld

Aus ursprünglich 15 Millionen Mark Baukosten waren da rund 50 Millionen geworden. Der Architekt, prozentual an den Baukosten, ideell an dem Auftrag interessiert, hatte sich erstaunlich biegsam gegen den Künstler durchgesetzt. „Ein Künstler ist völlig unabhängig von seinem Auftraggeber, ein Architekt nicht. Wenn mein Auftraggeber eine Garage für seine beiden Autos am Haus will, kann ich mich auch nicht verweigern. Ich habe keine Autonomie – außer, ich entscheide mich, einen Auftrag abzulehnen“, beschreibt Eisenman sein Dilemma. Die Garage ist in diesem Fall ein unteriridisches Dokumentationszentrum, die Autos das aufwendig installierte Bildungsprogramm.

Doch die Zeit schreitet fort, die Kurztripps des Architekten nach Berlin werden seltener. Im Herbst soll dort endlich Baubeginn sein. Eisenmans Interesse gilt inzwischen wieder stärker dem eigenen Land: Wenige Wochen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center plädierte er in Berlin mit bewegenden Worten für die Kraft der Architektur. Am Wiederaufbau auf Ground Zero in New York ist Eisenman für einen privaten Investor beteiligt und hat gleichzeitig in einem Vortrag auf dem Weltkongress der Architekten in Berlin unmissverständlich klargemacht, dass ein Mahnmal an diesem Ort für ihn nicht in Frage komme: Es sei unmöglich, den von den Medien transportierten Bildern des 11. September eigene Bilder entgegenzusetzen. Stattdessen gehe es darum, die Besucher durch abstrakte Mittel mit „körperlichem Raumgefühl“ zu erschüttern. Emotionale Effekt-Architektur auch hier.

Das Büro, die Factory in Manhattan, arbeitet derweil mit voller Kraft. 30 Mitarbeiter versammeln sich hier, um nach Vorgaben des Meisters zu zeichnen, zu zeichnen, zu zeichnen. Auf dem Programm stehen der Umbau des Jüdischen Museums in San Francisco, die Erweiterung des Genfer Sitzes der UNO und eine gigantische Kulturstadt in Santiago de Compostela. Peter Eisenman mag seit den Berliner Plänen als Mahnmal-Spezialist gehandelt werden. Große Aufträge, das große Geld macht er anderswo.

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