Kultur : Kurzmeldungen

In Salzburg ist Festspielsaison. Vor 71 Jahren kam Sonja Wiberg als junge Tänzerin in die Mozart-Stadt – und begegnete Alexander Moissi, dem berühmten Schauspieler, Frauenheld und Ur-„Jedermann“. Hier erzählt die 90-Jährige zum ersten Mal ihre unglaubliche Lebensgeschichte Jedermanns letzte Liebe

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Von Rüdiger Schaper

Ein feines Stück Hollywood, wer wäre nicht gerührt: Ein Dreivierteljahrhundert nach ihrer verbotenen Romanze auf der Titanic wird die alte Dame auf ein Forschungsschiff gebracht, um bei der Hebung des Schatzes dabei zu sein und sich zu erinnern. Ein Schmuckstück spielt in James Camerons „Titanic“-Opus, einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, eine wichtige Rolle.

Untergegangen. Unvergessen: So ist es auch in dem unglaublichen Melodram von Sonja Wiberg und Alexander Moissi. Nur: Dies ist eine wahre, keine erfundene Geschichte. Und: Sie wird hier zum ersten Mal erzählt. Vor 71 Jahren sind sie sich in Salzburg begegnet: der weltberühmte Schauspieler und die junge Tänzerin. Er war 51, sie 19. Sie reisten zusammen durch Europa, dreieinhalb Jahre lang. In Venedig kaufte Moissi seiner 32 Jahre jüngeren Gefährtin ein silbernes Halsband. Der in Triest geborene Sohn einer italienischen Mutter und eines albanischen Vaters wurde von seinen Fans wie ein Popstar verehrt, Tourneen und Frauen waren sein Lebenselixier. Auf dem Halsband sind Poseidon und eine Meerjungfrau dargestellt. Die Gravur auf der Rückseite lautet: Alessandro Moissi San Marco 1931.

Kopenhagen, im Sommer 2002. Sonja Wiberg empfängt mich in ihrer Wohnung. Im Mai hat sie ihren 90. Geburtstag gefeiert. Auf dem Tisch liegen Briefe und Fotografien ihres geliebten Alessandro. Sie träumt noch immer von ihm, und manchmal redet er im Traum zu ihr. Doch es ist keine schrullige, verrückte Alte, die mir gegenübersitzt. Sie formuliert klar und druckreif, ihre Sätze sind voller Poesie, präzise. Orts- und Zeitangaben fließen mit erschütternder Sicherheit in ihre Rede ein, sie zögert bei keinem Zitat, bei keinem n. Ob Leni Riefenstahl, „das alte Aas“, noch am Leben ist, will sie wissen. Sie erzählt, wie sie einmal mit Marlene Dietrich beim Damenschneider war, wegen ein Paar Lederhosen, und sie lacht: „Meine Beine waren länger“. Mit Brecht hatte sie einen „beruflichen Flirt". Aber: „Den mochte ich nicht“.

Ein Gesicht wie eine filigran geschnitzte Maske, die sich mit Leben füllt, die Augen liegen tief, zaubern ein Leuchten, das uns plötzlich mit jener Zeit verbindet, die Stefan Zweig, enger Freund und Bewunderer Moissis, „Die Welt von gestern“ nannte. Vor zweieinhalb Jahren erschien meine Moissi-Biografie. Sonja Wibergs Sohn Mats Blomberg, 59, ein Kind aus Sonjas abenteuerlichem Leben nach Moissi, hat das Buch im Internet entdeckt. „Ich lag eine Woche lang im Bett, nachdem ich es gelesen hatte“, sagt Sonja Wiberg, es kam alles wieder hoch. Und dann hat sie mich eingeladen. Sie sagt: „Ich werde bald sterben, Alessandro holt mich ab. Er hat es mir versprochen“.

Zwei lange Nachmittage und einen Abend verbringe ich mit Moissis letzter Geliebten. Sie hat die Silberkette aus Venedig angelegt.

Sommer 1931. Über Berlin reist Sonja Wiberg nach Salzburg. Max Reinhardt, mit dem Dramatiker Hugo von Hofmannsthal Erfinder der Salzburger Festspiele, hat sie engagiert. Sonja gehört zu dem Schauspieler-Tross, zu den vielen jungen Schauspielerinnen und Tänzerinnen, die Reinhardts Lustbarkeiten auf Schloss Leopoldskron bevölkern, und sie ist für die Aufführungen des „Jedermann“ auf dem Domplatz für die „Tischgesellschaft“ vorgesehen. Moissi war der Ur-„Jedermann“ von 1920, das Zugpferd der Festspiele. Sonja sieht ihn zum ersten Mal vor dem Festspielhaus – und er sah sie, das große, schöne, aufregend herbe Mädchen aus Skandinavien. „Wir haben uns sofort ineinander verliebt, auf vierzig Meter Entfernung. “ Am Abend fuhren sie – der verheiratete Moissi wollte im Klatschnest Salzburg keinen Skandal riskieren – im Cabrio des Dramatikers und Industriellen Karl Vollmöller nach München, bei strömendem Regen.

In dieser ersten Liebesbegegnung war der Weg der beiden vorgezeichnet. Diskretion – so hieß Moissis Zauberwort. Unzählige Affären begleiteten die Karriere des Schauspielers mit der betörend-singenden Stimme, den Max Reinhardt vor dem Ersten Weltkrieg am Deutschen Theater Berlin zum Star gemacht hatte. Moissi neigte zu rasender Eifersucht, während er selbst sich eifersüchtige Nachfragen, Szenen gar, strikt verbat. „Dann war es aus“, erinnert sich Sonja Wiberg: „Man wusste doch, worauf man sich bei ihm einließ. Er war der diskreteste Mensch der Welt. Ja, er war Erotoman, aber so appetitlich als Seele und als Körper, und es war überhaupt nicht merkwürdig, dass man gerne hineinbeißen wollte.“

Sonja erzählt von einer exzentrischen amerikanischen Millionärin, die für „eine Stunde Liebe mit Moissi 20 000 Dollar für ein Kinderheim spenden wollte.“ Die Sache wurde in Salzburg durchgezogen, diskret. Die Dame übergab Moissi ein Geschenk „für die Ehefrau“, ein „wunderbares Nachthemd". Moissi schenkte es Sonja.

Sonja Wiberg kannte die Berühmtheiten der Zeit, sie hat das Ende der Berliner Boheme miterlebt in den dreißiger Jahren: Künstlerlunch im Adlon, Kokainparties mit Nackttänzerinnen im Haus Liebermann am Pariser Platz. Moissi hat von all dem Pomp und Protz nicht viel gehalten. Er suchte die Ruhe mit der jungen Geliebten auf dem Hotelzimmer, wo sie sich Sandwiches machten und aus Büchern vorlasen. „Was willst du mit diesem Waschlappen“, hat Max Reinhardt zu Sonja gesagt. „Ja“, lacht sie, „ er war ein Waschlappen. Aber was für ein charmanter Waschlappen.

Moissi hatte 1919 die Schauspielerin Johanna Terwin geheiratet, nachdem Ferdinand Sauerbruch ihn aus französischer Kriegsgefangenschaft herausgeholt hatte. Die Ehe hielt – wenigstens als Arbeitsbeziehung – bis zu seinem Tod. Johanna Terwin managte den Star, den bestbezahlten Bühnenschauspieler der zwanziger Jahre.

Sonja Wiberg kam zu Moissi, wann immer er sie rief und es ihm möglich war. Ihre Welt waren die Suiten der europäischen Luxushotels. Wenn sie nicht zusammen waren, schrieb ihr Moissi, beinahe täglich. „Süßer Liebling“, so heben die Liebesbriefe aus Bologna, Mailand, Florenz, Zürich, Antwerpen und Bissone an. Dort, im Tessin, hatte Moissi eine Villa, er ruderte über den Luganer See, zum Postamt, um das Liebesgeflüster abzusenden, wie stets mit größter Diskretion.

Im Januar 1933 ist Moissi in Berlin. Er schreibt an Sonja Wiberg: „Das Erste: Ich hab Dich lieb! – Ich kam an u. fand Berlin illuminiert: Der Reichstag brannte lichterloh. Natürlich lief ich sofort hin u. aus der Kuppel züngelten Flammen, viel Menschen, Polizei, Panzerautos - nicht recht gemütlich u. ich fürchte daß es bloß ein Vorspiel ist.“ Der Reichstagsbrand! Die Nationalsozialisten hatten schon Jahre zuvor Moissi bedroht, in Salzburg stellten ihm die österreichischen Faschisten nach.

Und in dieser Situation wendete sich Moissi nach Italien. Sonja Wiberg packt noch heute darüber der Zorn. Am 20. April 1934, Hitlers Geburtstag, kommt es in Rom zu einer Audienz bei Mussolini.

Moissi setzt sich beim Duce für die italienischen Theater ein, und die Männer – Moissi galt immerhin als Kommunistenfreund! – hatten eine seltsame Gemeinsamkeit. Beide hatten sich als Dramatiker versucht, und beide mit einem Drama über Napoleon! Auch Sonja Wiberg ist in Rom, entsetzt! „Da hatten wir das erste Mal Schwierigkeiten. Da wollte ich nicht mit.“ Am Abend spielte Alessandro im Teatro Argentina den „Hamlet". Sonja sitzt in der Loge. Kurz vor Beginn der Vorstellung wird sie herausgerufen. Sie steht im Foyer und sieht einen „dicken Kerl mit zwei Bengels“ auf sich zukommen. Mussolini mit seinen Söhnen. In deren Gesellschaft erlebte sie Moissis triumphalen Auftritt. Der Gedanke an den Duce ekelt sie noch heute: „Diktatoren beschmutzen alles, was sie berühren".

Wien, März 1935. Moissi liegt im Spital. Herz und Lunge wollen nicht mehr. Er hat sich rücksichtslos verausgabt. Johanna Terwin, die Ehefrau, ist bei dem Sterbenden. Sie lässt keine Besucher vor. Sonja Wiberg wird abgewiesen. In einem seiner letzten Briefe, aus dem Hotel Miramare San Remo, hatte ihr Moissi geschrieben: „Süßer Liebling, hier an der Riviera gibt es Schnee und Kälte, es fällt von oben nasses Weiß - was sagt man da? Man friert, man schlottert, man spielt.“ In San Remo spielte Moissi die allerletzte Vorstellung seines Lebens, den Fedja im „Lebenden Leichnam“ von Tolstoi. Es war seine Paraderolle. Er hat den Fedja seit der Premiere 1913 in Berlin an die 2000 Mal gespielt, in Russland, in den USA, überall. Am 22. März 1935 stirbt Moissi in Wien. Die Ärzte schicken Sonja Wiberg mit einer Beruhigungsspritze ins Hotel. „Nach seinem Tod“, erzählt die Neunzigjährige, „hat sich nur noch Bruno Walter um mich gekümmert". Der Dirigent ging 1938 ins Exil.

Ein Jahr vor seinem Tod hat Moissi eine schreckliche nächtliche Vision gehabt, erzählt Sonja Wiberg: „Er kam an mein Bett, weckte mich auf. Eine Gestalt war am Fenster gewesen, die hatte ihm gesagt, er werde nicht sehr lange mehr leben". Jetzt ist es Moissi, der seine Geliebte im Schlaf heimsucht. Noch immer. „Er hatte eine dunkle, dämonische Seite."

Sonja Wiberg ging nach Dänemark zurück. „Ich war sechs Monate schwer krank nach Moissis Tod". Ihren Geliebten, ihren Gefährten, ihren väterlichen Freund – alles hatte sie verloren. Aus Sonjas Kindheit mag sich die enge emotionale Bindung an Moissi erklären: Sie war drei Jahre alt, als ihre Mutter starb, und ihr Vater war auf und davon in Amerika, Sonja wuchs bei ihren Tanten auf. Nun wurde sie, die junge Liebeswitwe von 22 Jahren, nach Schweden geschickt, zur Erholung. Sie arbeitete in der Natur, auf einer Vogelwarte. Kam langsam wieder zu Kräften.

Das Theater ließ sie hinter sich. Für immer. Und es begann das neue Leben der Sonja Wiberg, nicht weniger spektakulär und singulär als die Jahre mit Moissi in der Welt der Künstler, der Theater, der Hotels.

Sonja Wiberg lernte Schiffsnavigation und Fliegen. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für die Alliierten, die Engländer und Amerikaner. Sie verhalf Juden zur Flucht aus Deutschland, verliebte sich in Jakob Wallenberg, den Bruder des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der in Budapest vielen Juden das Leben rettete und seit 1945 als verschollen gilt. 1943 heiratete sie einen schwedischen Flieger, den Vater ihres Sohnes Mats. Nach dem Krieg fuhr Sonja Wiberg mit ihrem Mann nach Deutschland, um für die schwedische Armee Flugzeugersatzteile auf zerbombten Flugplätzen auszubauen. Auf der Tour durch das besiegte Land kauften sie auch zwei U-Boote.

Eine starke Frau mit Geschäftssinn – der Typ, zu dem sich Moissi, der ihr auch einmal sagte „Du bist nicht sinnlich genug“, hingezogen fühlte. Sie war ein großes Mädchen, 1 Meter 74. So groß wie Alessandro. Das naive Hascherl war sie nie. Sondern eine Frau, die führen kann – einen Mann, einen politischen Kampf, ein Unternehmen. Sonja Wiberg wurde in den fünfziger Jahren Managerin bei einer amerikanischen Firma: 25 Jahre lang war sie Direktorin von „Tampax Schweden". Ihre größte Angst war, dass sie eines Tages über Moissis Tod hinwegkommen würde. Doch das ist nie geschehen. Man spürt es, wenn man ihr zuhört, in ihre Augen schaut, ihre zitternde und doch feste Hand hält: Es war eine Liebe für das ganze Leben.

Wir gehen durch die Kopenhagener Fußgängerzone, vorbei am Hotel Angleterre, wo sie mit Moissi einmal eine Nacht verbracht hat. Ich muss an einen Satz von Ernst Lubitsch denken: „Herr Moissi, erlauben Sie, dass ich Sie umarme, damit die Leute denken, ich bin auch jemand.“ Ihre Wohnung liegt wenige Schritte vom Angleterre entfernt. Sonja hat mir ein Bild geschenkt, Moissi in der Arena di Verona, 1932. Dort hatte er ihr eine Kamera gekauft. Doch dann korrigiert sie sich: „Moissi hat mit gesagt, ich soll dem jungen Mann keinen Unsinn erzählen. Die Kamera stammte nicht aus Verona, sondern aus Triest. Und er wollte auch nicht, dass ich Ihnen die Briefe zeige. Jetzt bekomme ich bestimmt Ärger".

Rüdiger Schaper ist Autor der Biografie „Moissi", Argon Verlag Berlin.

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