Kultur : Kurzmeldungen

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Fünf Stücke, entstanden zwischen 1965 und 2001, hat sie zum Internationalen Tanzfest in die Lindenoper mitgebracht: die Merce Cunningham Dance Company. Auf zwei Abende verteilt, bietet sich in der Staatsoper somit eine kleine Werkschau der choreografischen Lebensleistung dieser living legend Amerikas. Doch wird beim Anschauen der frisch einstudierten Tanzwerke auch die Geschichtlichkeit deutlich, welcher die Avantgarde unterliegt. Denn so komplex die Bewegungsfolgen und die Komposition sind, so kalt und kalkuliert wirken sie in der Darbietung des 15-köpfigen Ensembles aus jungen Tänzern, denen überdies die notwendige konzentriertlässige Ausstrahlung fehlt. Man meint, ihnen eine gewisse Gastspielmüdigkeit anzumerken: So mancher Einsatz wirkt verstolpert, immer wieder werden die glasklaren Linien orntal, statt reaktionsschnell zu gleißen.

Verblüffend bleibt Cunninghams choreografische Kunst des Auf- und Abtretens: Meist sind – etwa in „Pictures“ und „Way Station“ – nur wenige der 15 Tänzer gleichzeitig auf der Bühne zu sehen, und man merkt fast nie, wann sie kommen und gehen. Andererseits ist die Lust an der Überraschung und der Unvorhersehbarkeit in Cunninghams Werk zentral. Ebenso wie das Tröpfeln und Plätschern, in welchem sich die musikalische Beifügung bisweilen erschöpft, sind aber auch die tänzerischen Kombinationen auf die Dauer einlullend. In „Interscape“ etwa wirkt die geschwinde und leichte Qualität der Bewegung, die Lockerheit der Armführung und die motorische Auflösung der Linie sonderbar vorläufig und getupft. Immer wieder verharren die Tänzer, verwirbeln sich, stehen still, verschwinden. Als wohne man der Auslöschung des Tanzes bei. Man kann es auch so – und freundlich – sagen: Cunninghams Arbeit verströmt im Jahr 2002 einen melancholischen Duft.

Schließlich ist sie ein Nachhall jenes rührenden Glaubens der Avantgarde, wonach es eine unbedingte Autonomie der Kunst geben könne. Bei Cunningham sind die Reinheit der Form, die Willkür der Gestaltung, das Unvorhersehbare der Komposition gleichsam eine utopische Absage an die Welt und ihre Nutzerwägungen. Und sie befreien von allem Individuellen. Dass Cunningham dabei ein florierendes Unternehmen führt und sich mit seiner selbstbezogenen Arbeit höchst erfolgreich in die Ökonomie der Kultur einbringt, will man dabei gar nicht wahrnehmen. Die Tänzer wirbeln und trippeln, erscheinen und verschwinden, begegnen und verlassen sich wieder, ihre Arme gleiten und fließen, und alles bleibt ganz und gar ausdruckslos. Es ist ein Fest der Kunst – aber einer losgelösten Kunst, die an ihrer alten Utopie festhalten will. Dazu muss sie nicht gefallen, sondern braucht bloß da zu sein. So wird sie zur Legende. (Foto: Iko Freese/DRAMA) Franz Anton Cramer

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