Kultur : Kurzmeldungen

Morgen wird Leni Riefenstahl 100 Jahre alt. Die NS-Regisseurin hatte für „Tiefland“ Sinti und Roma zwangsrekrutiert, die in Auschwitz starben. Familie Rosenberg erinnert sich Die verhöhnten Opfer

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Von Kerstin Decker

Leni Riefenstahls „Tiefland“ ist ein Film der Superlative. Das Werk mit einer der längsten Produktionszeiten der Filmgeschichte. Fast 20 Jahre. Die Tobis kündigte ihn als den „teuersten Sprechfilm“ an. Nur „Kolberg“, das Endsieg-Durchhalteepos, kostete wohl mehr. Wahrscheinlich hat Hitler selbst „Tiefland“ bei Riefenstahl bestellt; neben Wagner war ihm die Oper „Tiefland“ die liebste. Und schließlich ist „Tiefland“ das Schlussdokument einer Kino-Ära: der letzte Berg-als-Kunstfilm.

Aber als der deutsche Sinto Otto Rosenberg „Tiefland“ sah, sah er etwas ganz anderes. Anstatt des teuren Kunst-Epochen-Endfilms sah Otto Rosenberg einen Familienfilm. Den Film seiner Familie. „Da, in der Mitte, am Spinnrocken meine Großmutter!“, sagte er zu seiner Tochter, „und daneben Großtante Maria.“ Er entdeckte seinen Onkel Florian, Onkel Julius, Onkel Anton und dazu das halbe „Zigeunerlager“ von Marzahn.

So saß der Vater mit der Tochter vor der Verfilmung von Hitlers Lieblingsoper. Und plötzlich sah Otto Rosenberg auch seinen Bruder Max, der am besten aus der ganzen Familie singen konnte. Max kam nach einem Häftlingsmarsch 1945 auf eins der Schiffe, das die SS auf See versenken wollte. Der Junge sprang von Bord, die SS erschoss ihn. Dass sein älterer Bruder auch Komparse bei Leni Riefenstahl war, hatte der Jüngere nicht geahnt. Von den Onkeln, der Großtante und der Großmutter wusste er es. Großmutter? Otto Rosenberg, der Auschwitz überlebte, ist bei ihr aufgewachsen. Er sagte „Mami“ zu ihr.

Und er saß als Junge bei den Alten und hörte ihre Geschichten. Wenn er etwas angestellt hatte, nahm die Großmutter ihn mit in den Wohnwagen, und dann musste er laut schreien, damit die anderen glaubten, er werde gerade mit dem Holzlöffel erzogen. Aber sie hat ihn nie geschlagen. Damals ging er noch zur Schule. Bis 1936.

Als Leni Riefenstahl anfing, ihren Olympiafilm zu drehen, wurde Otto Rosenberg wie alle Sinti und Roma Berlins in das Marzahner Lager gebracht. Hitler hatte sich zur Olympiade eine saubere, „zigeunerfreie“ Hauptstadt gewünscht. Es war eins der Lager, die Leni Riefenstahl 1949 „Wohlfahrts- und Fürsorgelager“ nannte. Bereits seit 1949 wehrt sich die Filmemacherin gegen Menschen, die ihr Casting für „Tiefland“ kritisieren. Die einzige Zigeunerin im Film spielte Riefenstahl selbst, aber sie brauchte noch Spanier für ihr spanisches Dorf. Spanier in Deutschland? Also Sinti und Roma. Als die größte Lüge bezeichnete sie noch auf der Frankfurter Buchmesse 2000 die Behauptung, sie habe „Zigeuner aus dem Konzentrationslager“ eingesetzt: „Ich könnte die Leute umbringen, die das verbreiten, so sehr hasse ich diese Lüge.“ Alle ihre Komparsen von 1940/41 habe sie nach 1945 wiedergesehen, sagt sie noch heute den Zeitungen. Ende letzter Woche hat die Regisseurin ein Zugeständnis gemacht: „Fast alle“, erklärt sie nun.

Oder soll man genauer sein? Jene, die sogar Auschwitz überlebten wie Otto Rosenbergs Onkel Florian, der einen ganzen Kasten Bier austrinken konnte und dann auf die Leitern gestiegen ist, drei Stockwerke hoch, und Häuser baute – solche wie ihn, deren Kraft selbst Höllen überstand, mag sie wiedergesehen haben. Die vier kleinen Mädchen aber, die den Wagen umtanzen, als Zigeunerin Leni einfährt ins Filmdorf Roccabruna – die kann sie nicht wiedergesehen haben. Kaum eines der vielen Kinder am Set, die sie „Tante Leni“ nannten, kaum einer der Alten überlebte den 2. August 1944, die Liquidierung des Auschwitzer Zigeunerlagers.

So war „Tiefland“ schon bei seiner Fertigstellung 1953 – Frankreich hatte das Material Jahre lang beschlagnahmt – ein Film voller Toter. Und nicht ein Hinweis darauf. „Bauern, Mägde und Knechte“ nennt der „Tiefland“-Vorspann seine Komparsen. Otto Rosenberg klang es immer wie Hohn. Bruder, Großmutter, Großtante, die Toten einer einzigen Familie – „Bauern, Mägde und Knechte“? Lässt sich die merkwürdige Kälte dieser Frau erklären, dieser Trutz dem Schlimmsten gegenüber? Man sieht die Hundertjährige im Gespräch mit Sandra Maischberger und weiß auf einmal, dass diese Frau seelisch nie erwachsen geworden ist. Und nicht nur, weil sie angesichts von „Triumph des Willens“ erklärt, niemals einen Propagandafilm gedreht zu haben .

Vielleicht liegt bei „Tiefland“ ein früher Schlüssel, das Unverständliche zu verstehen. Denn gegen keine Vorwürfe hat sie sich so gewehrt wie gegen jene, diesen Film betreffend. „Zigeuner aus Konzentrationslagern“: Aus den Erinnerungen von Otto Rosenberg (Das Brennglas, Eichborn 1998), der im vergangenen Jahr starb, erfährt man, dass das Marzahner Lager nicht vergleichbar war mit Konzentrationslagern wie Sachsenhausen. Es war ein Zwangslager mit Polizeibaracke, aber die Menschen wohnten in ihren eigenen Wagen, gingen oft noch zur Arbeit und im Dorf Marzahn einzukaufen. Egal ob Riefenstahl ihre Komparsen in Maxglan bei Salzburg und in Marzahn selbst ausgesucht hat – sie bestreitet das – , den Eindruck, einen Vorort der Hölle zu betreten, konnte man nicht gewinnen. Obwohl er es für die meisten doch war: als letzte Station vor Auschwitz.

Fast alle Überlebenden sagten aus, von der Regisseurin freundlich behandelt worden zu sein. Es klingt unerträglich herzig, aber wenn sie schrieb, „die Zigeuner“ seien „unsere Lieblinge“ gewesen, mag das subjektiv wahr gewesen sein. Aber die nun in der „Süddeutschen Zeitung“ zitierten Erinnerungen der Komparsin Rosa Winter, der Riefenstahl mit dem Konzentrationslager gedroht hatte, werfen ein anderes Licht auch auf diese Selbstwahrnehmung. In den 80er Jahren behauptete die Filmemacherin Nina Gladitz, die zwangsrekrutierten Komparsen seien von der Riefenstahl-Film GmbH nie entlohnt worden. Das stimmt nicht, denn es hat sich eine Liste der GmbH erhalten, auf der die Komparsen aus dem Marzahner Lager und ihr Verdienst aufgeführt sind.

Die Anschuldigungen treffen Riefenstahl auf der falschen Ebene, der einer vordergründigen Dämonisierung. Im juristischen Sinne ist Leni Riefenstahl wohl in der Tat unschuldig: Die Prozesse, die sie führte und gewann, haben dieser Frau den Weg verbaut, sich selber zu begegnen. Das Schicksal ihrer Komparsen im Vorspann ihres Films zu erwähnen – das wäre eine Reaktion von Reife, die Reaktion einer Selbstbegegnung gewesen. Diese Unterlassung hat Otto Rosenberg nicht verstanden. Die Hundertjährige ist ein Narziss geblieben. So klingt für Ottos Tochter Petra Rosenberg, Leiterin des Landesverbandes der Sinti und Roma, alles, was Leni Riefenstahl noch heute sagt, wie Hohn auf ihre Familie, auf alle Opfer. Dass sie nie in der NSDAP war als Beweis der Unschuld? Nein, Leni Riefenstahl musste nicht in die Partei eintreten, sie hat ja deren „Seele“ gefilmt.

Die Komparsen-Steuer-Listen der Riefenstahl-GmbH tragen das Datum 6. April 1943. Fünf Wochen zuvor waren die Kleindarsteller aus Marzahn nach Auschwitz deportiert worden. Als das Auschwitzer Zigeunerlager liquidiert wurde, stand Otto Rosenberg mit kleineren Kindern, auch fremden, bei der Großmutter. Sie schob ihn weg und rief den Stubendienst: „Hier ist noch einer! Der kann arbeiten! Nehmen sie ihn mit!“ Otto Rosenberg hat seine Großmutter Charlotte und seine Geschwister nie wiedergesehen.

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