Kultur : Kurzmeldungen

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CITY LIGHTS

Wer untersucht, wie alt Regisseure beim Dreh zu ihrem letzten Film waren, stößt immer wieder auf die Zahl 75. Kaum jemand, der älter ist, hat noch eine Chance; Ausnahmen wie Leni Riefenstahl oder der 94-jährige Manoel de Oliveira bestätigen die Regel. Aus versicherungstechnischen Gründen kommen auch hochbetagte Schauspieler nur schwer an Rollen, aber manchmal können sie einen Kurzauftritt auch im Rollstuhl absolvieren. Dieser Möglichkeit verdankte Lil Dagover eine lange Karriere, die mit dem Expressionismus-Klassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1919) begann und mit Maximilian Schells „Geschichten aus dem Wienerwald“ (1979) endete.

Nachdem sie 1980 offiziell 83-jährig gestorben war, stellte sich heraus, dass sie tatsächlich schon das Alter von 93 Jahren erreicht hatte. Kaum eine andere Schaupielerin hat so erfolgreich gegen das Altern gekämpft. Die Zumutung, sich schrullig geben zu müssen, blieb ihr erspart. Ihre letzte Kino-Hauptrolle war der Titelpart in Josef von Bakys Edgar Wallace-Verfilmung Die seltsame Gräfin (1961), dessen Besetzung wie eine Hommage an den klassischen deutschen Stummfilm aussieht. Neben Fritz Rasp und dem Kameramann Richard Angst nimmt sich Marianne Hoppe wie ein Backfisch aus. Obwohl hier gehobener Nervenkitzel geboten wird und Klaus Kinski zum Ensemble gehört, ist dies in erster Linie eine Liebeserklärung an eine der letzten großen Diven des deutschen Films (Dienstag und Mittwoch im Filmmuseum Potsdam).

1932 wurde Dagover von Warner Bros. als Garbo-Konkurrentin nach Hollywood geholt, ohne großen Erfolg. Die Paramount hatte mehr Glück mit Marlene Dietrich, die sich auf Anhieb so fest etablierte, dass sie sich auch Misserfolge erlauben konnte. Ihr und Josef von Sternbergs schlimmstes finanzielles Desaster, Der Teufel ist eine Frau (1935), war Dietrichs Lieblingsfilm - nirgendwo anders habe sie so schön ausgesehen. Dem kann man nicht widersprechen. Als feurige (blonde!) Spanierin ruiniert sie reihenweise Männer und beklagt sich darüber, dass sie nicht zurückschlagen. Sternbergs kalter, spöttischer Film wurde erst von späteren Generationen gewürdigt (Heute im FT am Friedrichshain).

Zu den wenigen Frauen, die Star und Regisseurin in einer Person waren, gehörte die 1980 an Krebs verstorbene Barbara Loden, Ehefrau von Elia Kazan. 1970 fand sie viel Lob für Wanda, die Geschichte einer einfachen Frau, die durch Zufall einen kleinen Ganoven kennenlernt. Ihre Wanda bleibt trotz aller Abenteuer hausbacken und durchschnittlich – irgendwie wahrhaftig (Dienstag im Arsenal). Frank Noack

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