Kultur : Kurzmeldungen

Heute enden die 91. Bayreuther Festspiele mit den „Meistersingern von Nürnberg“. Nach 49 Dienstjahren zieht sich Wolfgang Wagner damit als Regisseur zurück - als Theaterpatriarch aber ist der fast 83-Jährige so mächtig wie nie In Treue bissfest

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Von Frederik Hanssen

Christian Thielemann ist spät dran bei der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele. Der Dirigent der „Tannhäuser"-Premiere sollte eigentlich längst neben Wolfgang Wagner auf dem Podium Platz genommen haben. Irgendwann wird es dem Festspielchef zu bunt: „Der hat wohl gerade keine saubere Jeans gefunden“, raunzt er ins Mikro – und wendet sich zum Bayreuther Oberbürgermeister Dieter Mronz: „Sie reden doch hier auch immer so gerne. Jetzt könnten Sie als Füllsel schon mal einspringen." Merkt der Wagner-Enkel, der in fünf Tagen 83 Jahre alt wird, noch, wenn er rechts und links verbale Watschen austeilt? Ist der Herr des Grünen Hügel in den Jahrzehnten seiner Amtszeit zum Zyniker geworden? Ist das die normale déformation professionelle eines absolutistischen Herrschers? Oder ist die Vitalität, die fränkische Kampfeslust, die Wolfgang Wagner ausstrahlt, längst Fassade?

Zwei Mal springt Gudrun Wagner auf, seine wesentlich jüngere zweite Ehefrau, um ihm zu soufflieren, wenn ihm die Journalistenfragen spanisch vorkommen. Hat er akustische Probleme oder will er die Pressevertreter nicht verstehen – so wie mancher reife Ehemann, durch dessen Gehörgänge ausschließlich noch die freundlichen Worte der Gattin dringen? Wer mit „seinen“ Künstlern spricht, bekommt das Bild von einem hochprofessionellen Managerintendanten gemalt, der den Laden fest im Griff hat, der überall zur Stelle ist, seine Mitarbeiter wie Marionetten an seidenen Fäden führt. Wenn die Probenphase beginnt, wenn zwischen Ende Juli und Ende August die jährlich 30 Aufführungen über die Bühne gegen, durchschwebt Wolfgang Wagner sein Reich als omnipräsenter Festspielhausmeister. Ein Phantom der Oper. Und ein eiserner Pflichtmensch. Blättert man in seiner Autobiografie, setzt sich der Eindruck fest, er habe sich nie nach irgendetwas gedrängt, nicht nach dem Regie-Führen (er debütierte 1953 mit „Lohengrin“ in Bayreuth), nicht nach der Geschäftsführertätigkeit des Festivals, das er seit dem frühen Tod des Bruders Wieland 1966 alleine leitet.

Aber er hat jede ihm angetragene Aufgabe immer mit allerhöchster Sorgfalt ausgeführt. Kaum eine Kulturinstitution wirtschaftet so gut wie die Bayreuther Festspiele, kein Intendant der Welt hat so raffiniert gestrickte lebenslange Verträge wie Wolfgang Wagner. In den letzten beiden Jahren versuchten die staatlichen Geldgeber, vor allem Bayerns Kultusminister Zehetmair, dem seit 1951 waltenden Wagner-Enkel die Zustimmung zu einer Neuordnung der Bayreuther Festspiele abzutrotzen. Vergebens. Nach und nach gaben alle Widersacher erschöpft auf. Im Jahr 2002 sitzt „der Alte“ fester im Sessel denn je, seine Frau Gudrun übernimmt hinter den Kulissen immer mehr das Regiment, seine jüngste Tochter Katharina lässt er das Handwerk als Regie- und Produktionsassistentin im eigenen Hause von der Pike auf lernen. Sollte das Regiedebüt der 24-Jährigen mit dem „Fliegenden Holländer“ Ende September am Würzburger Stadttheater glücken, ginge seinen Kritikern ein weiteres Argument flöten. Dann stünde der vom Chef favorisierten familieninternen Nachfolgelösung nichts mehr im Wege.

Hartnäckig wie Hagen in der „Götterdämmerung“ arbeitet Wolfgang Wagner an seinem Projekt. In die Rolle des kühl kalkulierenden Machtmenschen ist er früh gedrängt worden. Sein Bruder Wieland war der Siegfried im Nachkriegsbayreuth, der furchtlose Erneuerer, der geniale Regisseur, der mit Sängerinnen wie Anja Silja den Neuanfang schaffte. Wie Hagen, das Halbblut, stand Wolfgang im Schatten, die warnend-wildentschlossenen Worte des grimmen Kriegers auf den Lippen: „Hier sitz ich zur Wacht, wahre den Hof, wehre die Halle dem Feind.“

Das deutsche Singspiel

1966 übernahm er Wielands Pflichten, doch dessen Rechte wollte ihm niemand zugestehen. Als Regisseur war er stets nur dritte Wahl. Die Optik seiner Ausstattungen ist epigonal modern, die Personenführung hangelt sich an den Regieanweisungen des Librettos entlang. Das ist zwar werktreu, führt aber fast immer in die Langeweile, so wie in den „Meistersingern“ von 1995, seiner letzten Arbeit für Bayreuth. Spannend wurde die altfränkische Produktion erst im Juli 2000, als Christian Thielemann das Dirigat von Daniel Barenboim übernahm und mit enormer Detailbesessenheit die Verwurzelung Richard Wagners in der Tradition des deutschen Singspiels herausarbeitete. Wer das Glück hatte, alle drei Jahre erleben zu dürfen, konnte dabei feststellen, dass es – zumindest in postmodernen Ausmaßen – immer noch den Gedanken der „Werkstatt Bayreuth“ gibt, in der die Produktionen von Jahr zu Jahr weiterentwickelt werden sollen. In dem Maße, wie Wagners Regie immer infantiler wurde, mit fröhlich hopsenden Lehrbuben in jedem Akt und allerlei niedlichen Kinderdarstellern in der Massenkeilerei des zweiten Finales, entwickelte Christian Thielemann eine geradezu altersweise Werkästhetik, tauchte die Partitur ganz in güldenes Licht.

Dass die Solisten seit der Premiere weitgehend dieselben blieben, erwies sich als großer Vorteil: Vor allem bei Robert Holl als Hans Sachs und Emily Magees Evchen konnte man den Reifeprozess intensiv miterleben. Wenn sich heute Abend der Vorhang über der jubelnden Festwiesengesellschaft senkt, gehört die Ära des Regisseurs Wolfgang Wagner der Theatergeschichte an.

So dankbar ihm die Freunde zeitgemäßen Musiktheaters für diesen Rückzug von der Bühnenarbeit sind – eines müssen auch seine schärfsten Kritiker dem Bayreuther Kettenhund Wolfgang Wagner lassen: So bissig wie er ist, so treu ist er auch. Immer wieder hat er sich vor seine Regisseure gestellt, wenn sich das konservative Publikum zum Buh-Orkan aufplusterte.

Er hat Pierre Boulez und Patrice Chéreau verteidigt, bis ihr 1976er „Ring“ schließlich als Jahrhundertereignis anerkannt wurde, er hat zu Götz Friedrich gestanden, den viele 1972 für seinen „Tannhäuser“ wieder zurück hinter den Eisernen Vorhang wünschten. Genauso reagierte er auch jetzt, 30 Jahre später, als der neue „Tannhäuser“ Philippe Arlauds von der Kritik zerfetzt wurde: „Ich werde mich nicht hinstellen, und über einen Künstler, den ich verpflichtet habe, sagen: Das war alles Scheiße.“ Eine Geisteshaltung, die man, nicht nur in Bayreuth, Nibelungentreue nennt.

So entstehen lange Freundschaften. Aber wehe, wer sich mit dem Hüter des Hügels zerstreitet! Waltraud Meier, Daniel Barenboim, Hans Sotin, Künstler, die teilweise jahrzehntelang auf dem Grünen Hügel arbeiteten, verschwanden von einer Saison zur nächsten aus der Wagnerwelt.

Meistens ging es um organisatorische Fragen: Beim Jet-set-Gehetze der Stars macht Wolfgang nicht mit, da ist er altmodisch. Entweder man gibt sich uneingeschränkt Wagners Werken und Wolfgangs Wirken hin – oder man gilt als tot. In diesem einen Punkt gönnt sich selbst W. W. einmal ein Siegfried-Motto: „Nun ficht mit mir oder sein mein Freund!"

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