Kultur : Kurzmeldungen

Von der Sachdebatte zum Impression Management: In Fernsehduellen treiben moderne Gesellschaften die Ästhetisierung der Politik auf einen Höhepunkt. Programmatische Klarheit kann dabei nur schaden. Das wissen auch die Kontrahenten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber Du hast in Wahrheit keine Wahl, also triff sie!

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Von Norbert Bolz

In modernen, hochkomplexen Gesellschaften wie der unseren löst kein Wahlausgang ein politisches Problem. Der Sieg einer Partei hat für den Wähler vor allem Expressionswert – ähnlich wie der Sieg seiner Fußballmannschaft. Je weniger aber Wahlen etwas entscheiden können, desto wichtiger wird der Talk. Er ist das Medium, in dem politisches Vertrauen dort aufgebaut wird, wo mehr Information nur zu mehr Konfusion führen würde. Und nur durch Talk gelingt die Koordination komplexer Systeme in einer Gesellschaft, die ihre Stabilität gerade durch Wandel sichert. Mit anderen Worten: Sozialen Wandel erreicht man, indem man darüber redet.

Moderne Politik ist also Wortpolitik. Man kann die Lage zumeist nicht ändern, wohl aber ihre Wahrnehmung; auch diese Lektion verdanken wir der „political correctness“. Politischer Talk ist das emotionale Management dessen, was man faktisch nicht managen kann. Mit Repräsentation hat das längst nichts mehr zu tun. Das Parlament ist nicht mehr das entscheidende Publikum für die Selbstdarstellung des Spitzenpolitikers. Walter Benjamin hatte das schon in den 30er Jahren erkannt: Moderne Politik stellt sich vor der Kamera dar, nicht im Parlament. Mit anderen Worten, das Fernsehen hat das Parlament ersetzt; an die Stelle der politischen Repräsentation tritt die medienästhetische Präsentation. Das Fernsehpublikum wird nicht mehr nur „angesprochen“, sondern vor den Schirmen „versammelt“.

Walter Benjamins Fazit lautete einmal: „Das ergibt eine neue Auslese, eine Auslese vor der Apparatur, aus der der Star und der Diktator als Sieger hervorgehen.“ Natürlich ist Gerhard Schröder, der wohl wieder als Sieger aus diesem Wettbewerb hervorgehen wird, kein Diktator. Es genügt heute, die Feedback-Schleife der Dominanz zu durchlaufen: Wer dominiert (Kanzler), kann den Eindruck erwecken, kraftvoll zu handeln (Holzmann, Flutopfer etc.). Wer den Eindruck erweckt, kraftvoll zu handeln, fokussiert die Aufmerksamkeit. Wer die Aufmerksamkeit fokussiert, sichert seine Dominanz.

Daraus folgt aber auch, dass die Akteure der Mediendemokratie abzählbar sind. Zwei Dutzend Spitzenpolitiker und eine Handvoll Gefälligkeitswissenschaftler genügen im wesentlichen, um nach dem Kommunikationsgesetz von Varietät und Redundanz das Karussell der Talkshows in Gang zu halten. Seit es keine Herren mehr gibt, brauchen wir Norton Longs „They“ – die großen Persönlichkeiten, die verantwortlich sind für das Ganze und unseresgleichen die Angst nehmen. So kommt es immer wieder zu Rückkopplungen zwischen den Mächtigen und den Massenmedien. Wer sich durchsetzen will, braucht weniger Max Webers „Augenmaß und Leidenschaft“ als vielmehr Donald Schöns „feel for media“.

Das Spitzenprodukt des Mediendarwinismus und der Verringerung von politischer Komplexität ist das Fernsehduell zwischen Amtsinhaber und Herausforderer. Richard Nixon gegen John F. Kennedy – das war die Urszene der TV-Duelle. Der psychoanalytische Begriff ist keineswegs zu hoch gegriffen, denn es handelt sich um ein Trauma der politischen Vernunft, das nur deshalb nicht gleich als solches empfunden wurde, weil der den meisten Beobachtern sympathischere Kandidat das Rennen machte. Der Sieg Kennedys markiert den Übergang von der parlamentarischen zur Mediendemokratie. Und es liegt für jeden, der noch einen emphatischen, klassischen Begriff von Politik hat, eine tiefe Kränkung in der seither unleugbaren Tatsache, dass Politik auf dem Markt der Gefühle verkauft wird – und dass dort Sexappeal mehr zählt als Sachkompetenz. Armer Stoiber.

Mit den TV-Duellen erreicht die Ästhetisierung der Politik einen Extremwert. Hier machen sich Unterhaltungsmedien und politische Werbeagenturen die Erkenntnis zunutze, dass das, was jemand sagt, fast keinen Einfluss auf seine Wirkung hat. Es kommt nur auf das Wie, also auf das impression management an. So entfaltet sich eine Politik ohne Botschaft. Der Wettbewerb der Spitzenkandidaten im TV-Duell bietet uns eine angenehm konsumierbare Parodie des altgriechischen Agon und des sokratischen Dialogs, also der gemeinsamen Suche nach dem allgemeinen Besten. Dass es dabei nicht zum Argument und zur Diskussion kommt, wird durch die Ritualisierung des Duells sichergestellt. Es steht vorher schon fest, wer wann „drankommt“ und auf welche Fragen antwortet.

Neben den Imperativen der Massenmedien (keine Argumente, keine Kontexte, keine Nebensätze) sorgt auch das politische Design der spin doctors dafür, dass nicht graue Politik, sondern gute Unterhaltung geboten wird. Sie pflegen die Rhetorik der Statements, also die hohe Kunst, Antworten auf gar nicht gestellte Fragen zu geben. Wie die Werbung für ein Produkt, will auch der prominente Politiker vor allen Dingen gute Nachrichten über sich selbst verbreiten. Zum impression management des Politikers gehört deshalb eine Form von Journalismus, die man Soft-Interview nennen könnte: Wer hat die Fragen zu meinen Antworten? Gerade deutsche Fernsehmoderatoren erbringen hier die erstaunlichsten Anpassungsleistungen; sie sind die Stichwortgeber.

TV-Duelle reduzieren die politische Rhetorik auf Formeln, die wie Fahnen wirken. Hier kann man das branding der Politik in konzentriertester Form erleben; es geht darum, mit Werbeslogans Themen zu besetzen. Wenn man Glück hat, spielt einem das Schicksal gerade rechtzeitig zur Wahl in die Karten – so wie den Grünen die Flutkatastrophe. Mit Manipulation oder Volksverdummung hat das nichts zu tun. Wir wollen es nicht anders. Schließlich senkt dieses Verfahren die Transaktionskosten der Wähler: die hohen Kosten der Informationsbeschaffung. Parteien existieren heute als Markenn, die unser politisches Konsumverhalten orientieren. Wir haben es also mit politischem Marketing als einer Form plebiszitärer Demokratie zu tun.

Das Fernseh-Duell bietet uns aber nicht nur eine radikale Personalisierung, sondern auch eine drastische Digitalisierung des Politischen. Digitalisiert wird die Politik alle vier Jahre sichtbar durch Wahlen und tagtäglich unsichtbar durch kleinteilige Entscheidungen. Diese kleinen Entscheidungen am Fließband unter Bedingungen der Ungewissheit in turbulenten Umwelten könnten natürlich auch anders ausfallen. Gerade deshalb wollen uns die Regierenden einreden, es gäbe keine Alternative zu ihrer Politik.

Die beste Unterstützung für ein Projekt ist nämlich die Rhetorik seiner Unvermeidlichkeit. TINA ist deshalb das Lieblingsakronym unseres Kanzlers: There is no alternative. Die Macht präsentiert sich einwertig.

Schon deshalb sind Wahlen interessant; sie sind nämlich zweiwertig: der oder jener, wie der „Spiegel“ spöttisch resümierte. Da man den Kanzler aber nicht direkt wählen kann, und die Parteien mit ihrem Gezänk dem impression management immer wieder störend dazwischenkommen, gibt es in der Mediendemokratie noch einen dritten Wert – den politischen Medienstar.

Erfolgreiche Politiker schalten die Medien als Puffer zwischen sich und die Partei und emanzipieren ihre Sympathiewerte so von der Sonntagsfrage. Man denke nur an Gerhard Schröder (Genosse der Bosse) und Joschka Fischer (Opposition in der Regierung), aber auch an Strategen wie Gregor Gysi und Michel Friedman. Hier zeigt sich die paradoxe Stärke der schwachen Bindungen zwischen Parteiprominenz und Basis, der Wert der Diskontinuität.

Programmatische Klarheit könnte da nur schaden. Vielmehr erreichen die Politstars ein Maximum an Spannkraft und Reaktionsfähigkeit gerade durch Ambivalenz. Genau das werden wir in den TV-Duellen wieder studieren können: wie man imitiert, indem man opponiert, und wie man opponiert, indem man imitiert. Und am Abend des 22.September heißt der Kanzler dann Schröder als Kohl II. Oder er heißt Stoiber als Schröder II. Der oder jener. Für die Politiker ist das natürlich ein Unterschied ums Ganze. Sie überschätzen – man möchte sagen: naturgemäß – die Bedeutung der Politik. Die Wähler dagegen genießen die TV-Duelle als Politainment und betrachten das eigene Wahlverhalten mit einer Selbstironie, als wären sie alle bei Harald Schmidt in die Lehre gegangen. Gute Unterhaltung.

Der Autor lehrt Kommunikationstheorie an der Universität Kassel.

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