Kultur : Kurzmeldungen

NAME

CITY-LIGHTS

Die Nächte werden länger, und die Freiluftkino-Zeit neigt sich langsam ihrem Ende zu. Während die einen es vermissen werden, nach langem Anstehen von Mücken umschwärmt die Renner der letzten Saison zu genießen, zählt für andere nur die möglichst plüschgedämpfte Kinohöhle für den echten Filmgenuss. Auch die Filmtheorie ist ja hin- und hergerissen zwischen Einkuscheln und Reflexion, wohliger Regression oder ernüchternder Distanz.

Ein ganz neues Beziehungsgeflecht von Zuschauer, Leinwand, Projektor und Raum kommt jetzt aus Rom zu uns. „Passegiate Romane“ nennt sich das Konzept kostenloser Filmvorführungen im öffentlichen Straßenraum derjenigen Stadt, in der zentrale Szenen des jeweiligen Films gedreht wurden. Nachdem die ursprünglich von der römischen Kulturverwaltung realisierte Reihe der „Römischen Spaziergänge“ vor zwei Jahren nach Paris gewandert ist, findet sie nun zum erstenmal auch in Berlin statt. Und das mit einem Film, der für die italienisch-deutschen Filmbeziehungen konstitutiv ist: Roberto Rosselinis: Germania Anno Zero/ Deutschland im Jahre Null, der am Freitagabend von einem Spezial-Projektions-Laster am Neptunbrunnen auf dem Alexanderplatz projiziert werden soll. Dort spielt nicht nur eine Schlüsselszene des Films, der Brunnen wurde auch nach römischem Vorbild gebaut. Als Nachfilm gibt es Adriano Apràs Dokumentarfilm Rosselini visto da Rosselini.

Bleiben wir in Italien. Es wurde bisher vielleicht selten so gesehen, aber ist Jean-Luc Godards Le Mépris (Die Verachtung) nicht auch der ideale Film, um sich von einem verregneten Sommerurlaub im Süden zu verabschieden? Blau glitzerndes Wasser, romantische Felsklippen, flirrendes Sonnenlicht und Cabrio-Fahrten in Breitwand bilden den kristallinen Hintergrund für diese brillante Auseinandersetzung mit abendländischer Kulturgeschichte sowie der Ästhetik und Praxis des Filmemachens selbst.

Dabei ist „Le Mépris“ in seiner fast linearen Erzählweise neben „Außer Atem“ wohl Godards zugänglichster, konventionellster Film – und doch einer seiner vielschichtigsten. Denn das Sprechen und Bilderzeigen vom Filmemachen ist auch ein Sprechen und Bilderzeigen vom Leben, von der Liebe, den Farben, der Ökonomie, der Geschichte. Heutzutage ist es auch eine Zeitreise zu untergegangenen Automodellen, Gerüchen und Landschaften. Von Rom nach Capri zu reisen – wer würde das heute noch tun? In „Le Mépris“ gibt es auch den Verweis auf einen anderen Film, der sich zehn Jahre früher auf den gleichen Weg begab: „Viaggio in Italia“ ist Roberto Rossellinis vielleicht schönster Film. Doch den könnte man unmöglich auf dem Alexanderplatz zeigen, höchstens bei Grillenzirpen am Meer.

„Die Verachtung“ aber läuft als vierter Film der vom Neue Visionen-Filmverleih verantworteten Neu-Edition der Werke Godards heute in vielen Berliner Kinos an. Zu diesem Zweck wurde die mehrsprachige Originalfassung erstmals mit deutschen Untertiteln versehen. Für Nicht-Multilinguale ist dies ein echter Gewinn: Im innerfilmischen Hin- und Her zwischen den verschiedenen Sprachen werden von Godard nämlich Fragen der Übersetzbarkeit ganz praktisch und höchst lustvoll verhandelt. In der unvermeidlichen Eindimensionalität einer Synchronfassung geht dies notgedrungen unter. Auch die anderen Filme der Neu-Edition sind diese Woche zu sehen: „Alphaville“ in der Brotfabrik, „Außer Atem“ im Checkpoint und „Die Geschichte der Nana S". im Rahmen der Reihe „Play-It-Again“. Silvia Hallensleben

0 Kommentare

Neuester Kommentar