Kultur : Kurzmeldungen

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CITY LIGHTS

Alfred Hitchcocks Vertigo - Aus dem Reich der Toten (1958) ist einer der meist analysierten Filme. Abgeschlossen ist die Rezeptionsgeschichte noch lange nicht. Denn jetzt liegt das September-Heft des britischen Magazins Sight & Sound vor: Auf über zwanzig Seiten werden die Ergebnisse einer Umfrage nach dem besten Film aller Zeiten veröffentlicht. Mehr als 250 Medienkenner, darunter Quentin Tarantino, Paul Verhoeven, Gilles Jacob, Camille Paglia und Slavoj Zizek, haben ihre Favoriten angegeben. Spitzenreiter ist - unangefochten seit 50 Jahren - Orson Welles mit „Citizen Kane". Aber mit nur fünf Stimmen weniger folgt auf dem zweiten Platz „Vertigo". Auffallendster Trend der Umfrage: Politisch relevantes Kino hat an Achtung eingebüßt. Hemmungsloser Stilwille fasziniert dauerhafter als die Unterstützung sozialer Reformen. Der Regisseur von „Vertigo“ ist einfach nur besessen - von Kim Novak, von den Möglichkeiten des Farbfilms und von der Schönheit San Franciscos (Dienstag und Mittwoch im Babylon Mitte).

Problematisch ist an solchen Umfragen der Ethnozentrismus der Beteiligten. Was kein Vorwurf sein soll: Man kann nicht Experte für jede nationale Kultur sein. Produktionen, die in Cannes laufen oder weltweit verliehen werden, gehören nicht zwangsläufig zu den Spitzenleistungen ihres Landes. Wie zum Beispiel ist Deutschland in der Sight & Sound-Umfrage vertreten? Vor allem mit Fritz Lang, dessen „M“ und „Metropolis“ häufig genannt werden. Fassbinder, Herzog und Murnau kommen wiederholt vor. Aber kein einziger Film von Konrad Wolf, keiner von Wolfgang Staudte, keiner von Bernhard Wicki. Dabei ist Wickis Antikriegs-Drama Die Brücke (1959) der international meist ausgezeichnete deutsche Nachkriegsfilm und ebnete seinem Regisseur den Weg nach Hollywood. Der fehlgeleitete Idealismus einer Gruppe von Schülern, die kurz vor Kriegsende eine strategisch unwichtige Brücke verteidigen und dabei fast alle getötet werden, lud auch außerhalb Deutschlands zur Identifikation ein. Frank Noack

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