Kultur : Kurzmeldungen

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Wie elegant sich die Kreaturen bewegen! Wie sie schleichen, hoppeln, schreiten, wie sie schnuppern, zusammenschrecken oder unwillkürlich mit den Ohren zucken! Wo sie doch eigentlich Schablonen an prosaischen Stöcken sind. So groß ist die Macht des Charakteristischen, so hinreißend die Animation in dieser Schattenwelt, dass wir schon mit der ersten Szene tief eingedringen in den balinesischen Dschungel. Dass wir im Berliner Hebbel-Theater sitzen und durch den Gazevorhang die Schattenspieler und Musiker beobachten können, nehmen wir zu unserem eigenen Erstaunen offenbar auf einer anderen Bewusstseinsebene mit.

„The Theft of Sita“ heißt die virtuose Produktion nach dem 400 Jahre alten Ramayana-Mythos, die von dem ArtsAustralia-Festival präsentiert wird. Für sie haben sich die australischen Künstler Nigel Jamieson (Regie) und Paul Grabowsky (Musik) mit indonesischen Schattenspielern und den Gamelan-Musikern um I Wayan Gde Yudane zusammengetan. Die lassen uns nicht im Dschungel sitzen. Nun erscheinen Twalen und Merdah, die grotesken Clownsfiguren des traditionellen indonesischen Schattenspiels Wayan Kulit, um mit Mut, viel derbem Witz und herrlich gebrochenem Englisch Sita, die Gattin ihres Herrn und Gottes, aus den Fängen des Dämons Rawanna zu befreien. Sie geraten dabei in den Dschungel der Großstadt, müssen sich gegen Maschinen, Autos, Spaßtouristen, Prostituierte und die Polizeimacht des (realen) Diktators Suharto wehren.

Es ist ein Wunder, wie es gelingt, die kultische Kraft einer uralten Kunst derart mühelos mit der Sprache und Technik von heute zu verbinden – als wär’s ein demokratisches Propagandastück von Brecht mit Disney-Dialogen, magisch bewegt in nie gesehenen Zwischenwelten. Großartig Grabowskys Musik, die Jazz und Gamelanformeln wie natürlich verbindet: ob sie nun kultisch beschwört, swingend Stimmung erzeugt, gestisch Aufmerksamkeit erregt, derb kommentiert, lustvoll zitiert oder filmmusikalisch illustriert. Weitere Aufführungen am 7. und 8. September, 20 Uhr. (cani) Foto: Julian Crouch

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