Kultur : Kurzmeldungen

„Die Krankheit des Islam“ ist für Abdelwahab Meddeb nur heilbar, wenn der Westen seine Arroganz ablegt. Aber auch der arabischen Welt wirft er in seinem Buch Verirrungen vor. Diese Woche ist der tunesisch-französische Dichter beim Internationalen Literaturfestival in Berlin zu Gast. Die Revolution beginnt vor der Haustür

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Von Ulrich

Müller-Schöll

Glühende Parolen, wie sie ein syrischer Dichterkollege den palästinensischen Kämpfern gegen Israel mit auf den Weg gab, sind seine Sache nicht. Das sei „in blumige Verse gegossenes Kaffeehaus-Geschwätz“, meint Abdelwahab Meddeb und lächelt unnahbar. Dass der 56-jährige Tunesier, dem man sein fortgeschrittenes Alter nur ungläubig abnimmt, so locker parliert, ist selten. Der Poet, Schriftsteller und Essayist gilt als verschlossen und brüsk und äußert sich meist stilbewusst und ausgefeilt. „Was den Terrorismus und den islamischen Extremismus angeht, bin ich unzweideutig“, sagt er. „Der eine wie der andere sind für mich inakzeptabel, nichts kann sie legitimieren, und ich wende mich mit allen meinen Kräften dagegen.“ Und den Fundamentalismus empfindet er ganz persönlich als Gefahr: „Meine beiden Kulturen und Genealogien sind mir gleichermaßen wichtig, die westliche wie die islamische.“

Meddeb stammt aus Tunis, er ist der Spross einer islamischen Familie. Vater wie Großvater waren zugleich Muftis in der Moschee und Kaufleute auf dem Basar: So entsprach es der Tradition. Dem Einfluss der Kolonialherren verdankt er, dass ihn seit dem 18. Lebensjahr die französische Kultur prägte. Er studierte an der Sorbonne Kunstgeschichte und Archäologie, schrieb Gedichte und erwarb sich für seine Interpretationen des arabischen Schrifttums bald den Ruf eines Gelehrten. Er arbeitete für eine west-östliche Sendereihe im Rundfunk und schrieb zwei Romane, „Aya“ und „Talismano“, die der Heidelberger Wunderhorn-Verlag auf Deutsch veröffentlichte, nachdem Meddeb durch Essays in der Zeitschrift „Lettre International“ auch hierzulande bekannt geworden war.

Seit 1995 gibt er die dem Verhältnis von Okzident und Orient gewidmete Zeitschrift „Dédale" heraus. Stets kreisten seine Überlegungen um diesen Kontrast, und als er gut 20 Jahre nach dem ersten Universitätsabschluss noch promovierte, handelte seine Arbeit von den Erfahrungen eines Wanderers zwischen den Welten. „Lettre International“ war es auch, die ihn 1997 als einen von sieben Schriftstellern in die Welt hinaus schickte, um im Zeitalter der Globalisierung ein Moment der „Ungleichzeitigkeit“ in der vermeintlichen Gleichzeitigkeit einzufangen. Meddeb wählte als Zielort Kairo, die Stadt, die er 20 Jahre zuvor als Zentrum des fortschrittlichen Islam kennen gelernt hatte. Er kam zurück mit einem faszinierenden Text: einem atemlosen, von Hitze, Lärm und mediterranem Lebensgefühl gesättigtem Stoßgebet. Er erzählte darin, wie er nach dem langen Anflug über die Zehnmillionenstadt schließlich in das Gewimmel „wie ein gefallener Engel“ eintauchte, von Neuem auf die vermummten Gemüsehändlerinnen traf, die brüllenden Fischverkäufer wiederfand, die spielenden Jungs vor der Al-Ahzar-Moschee, verstopfte Straßen, hupende Kleinlaster und die kehlig näselnden Rufe der Imame.

Alles war fast gleich geblieben. Doch als er die Universität und die Koranschulen betrat, riefen Prediger aller Schattierungen zum Gebet, und in den Wohnzimmern der Gebildeten trugen die Frauen den Schleier, als hätten sie ihn 20 Jahre zuvor nie abgelegt.

Warum verzichten gerade sie, die Nutznießerinnen der Liberalisierung, offenbar freiwillig auf die zuvor erkämpften Privilegien? Woher kommt die eigentümliche Faszination für einen Fanatismus der falschen Buchstabengläubigkeit, der sich so offen rückwärts wendet? Abdelwahab Meddebs Kairo- Text bekannte sich zu einer gewissen Ratlosigkeit, setzte vorsichtig auf den volkstümlich-spirituellen, in der mittelalterlichen Mystik verwurzelten Sufismus, als die vielleicht heilsame Konkurrenz zum offiziellen Sunnismus.

Nach dem 11.September 2001 wurde Meddeb wegen seines leidenschaftlichen Interesses an der Kluft zwischen Okzident und Orient zu einem der am meisten befragten Intellektuellen rund um die Welt. Für „Die Krankheit des Islam“, die er in seinem gerade auf Deutsch erschienenen, gleichnamigen Buch diagnostiziert (Wunderhorn, aus dem Französischen von Beate Thill und Hans Thill, 256 Seiten, 28,80 Euro), nennt er zwei Gründe. Da sind einerseits die „äußeren“ Gründe, „die Nichtanerkennung des Islam durch den Okzident, die Art, ihm den Status des Ausgeschlossenseins zu bewahren; die Art, wie der Okzident seine eigenen Prinzipien vergisst, wie er ungestraft seine Hegemonie ausübt und in der Politik zweierlei Maß anlegt.“

Dabei denkt Meddeb besonders an die Haltung der USA im Palästinakonflikt, die er für ungerecht und unklug hält. Aber diese Gründe „sind vielleicht ein Katalysator“, betont Meddeb sofort, „nicht aber die Auslöser der Krankheit“. Denn da ist als zweiter Grund der Machtverlust des Islam, der ein altes Ressentiment immer wieder neu schüre. Der Islam habe dies bis heute nicht verkraftet.

Als Meddeb seine Thesen jüngst auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin vortrug, im Schinkelschloss eines ehemaligen Staatskanzlers, also im Herzen Preußens, da gab er in freier Rede ein Beispiel arabischer Fabulierkunst. Er erzählte eine Geschichte von Tragödien, Zufällen, mystischen Koinzidenzen und religiösen Ereignissen im 10. Jahrhundert, einer Epoche, in der der Islam seine große Zeit hatte. Damals überragte er, was Kultur und Wissenschaft, aber auch Toleranz in der Lebenseinstellung anging, andere Kulturkreise bei weitem.

Als Vermittler ist Meddeb alles andere als ein neutraler Makler. Unzweideutig bezieht er Stellung, für den Westen und für die Standards, die er gesetzt hat: „Es gehört zu den Aufgaben des Schriftstellers, die eigenen Leute auf ihre Verirrungen aufmerksam zu machen und behilflich zu sein, dass man ihnen die Augen öffnet. Ich möchte sozusagen vor der eigenen Tür kehren.“

Abdelwahab Meddeb nimmt am 11. September im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin am Symposion „Reflections“ teil. Es beschäftigt sich mit den Folgen der Terroranschläge in New York und Washington. Ab zehn Uhr morgens diskutiert er im Berliner Ensemble u.a. mit Tariq Ali, Bernard Henri-Lévy und Tahar Ben Jelloun.

Aus seinem Roman „Phantasia“ liest er am 12. September (BE Pavillon, 21 Uhr). Am 13. September diskutiert er über „Glanz und Elend des Islam“ (Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, 18 Uhr). Am 14. September (BE Alte Probebühne, 19 Uhr) tritt er im Rahmen der „Poetry Night“ zusammen mit Salah Stetié , Tomàs Segovia, Antonio Cisneros und Tedi López Mills auf.

Infos unter www.literaturfestival.com

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