Kultur : Kurzmeldungen

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CITY LIGHTS

Erfahrene Arsenal-Besucher kennen das Spiel schon, auch wenn ihnen der Filmtitel nicht präsent sein mag. Line describing a cone von Anthony McCall (1973) ist einer der Lieblingsfilme von Ko-Kinoleiterin Stefanie Schulte Strathaus, die das spektaluläre Experimentalfilm-Ereignis bei besonderen Gelegenheiten gerne zum Einsatz bringt. Der halbstündige Film ließe sich auch als Installation für einen Projektor, Licht, Rauch und Publikum beschreiben, wobei der Rauch dazu dient, einen sich langsam vervollständigenden weißen Kreis auf der Leinwand im Raum als Lichtkegel sichtbar zu machen. Die Dampflokomotive des 3-D-Verfahrens also, fleißig selbstgequalmt. Im alten Arsenal jedenfalls kam der Rauch von den Kinobesuchern selbst, die mehr oder weniger genüßlich an den ausgeteilten Gratis-Zigaretten zogen. In der neuen Heimstatt als Sony-Untermieter sind solche ungesunden Eigenmächtigkeiten nicht mehr erlaubt, selbst bei der ersatzweise zum Einsatz kommenden Rauchmaschine ist nicht ganz sicher, wie die empfindsame Sprinkler-Anlage reagiert.

„Line Describing a Cone“ ist ein reizvoller Grenzfall zwischen zwei bei uns sonst eher getrennten Bereichen: Kino und Kunst. Er läuft diesmal in einer von Mark Webber kuratierten Retrospektive, die ab Freitag im Arsenal die Arbeit der London Film Makers Cooperative aus den Jahren 1966 bis 1976 vorstellt. Sieben Programme, prall gefüllt mit Kurzfilmen britischer Avantgardefilmer, außerdem in einer Solovorstellung David Larchers kunstvolles Werk The Mare’s Tail (1968, nächsten Donnerstag), der in einer zweieinhalbstündigen poetischen Reise durch die Menschheitsgeschichte assoziationsreich eine höchst suggestive und subjektive Kosmologie konstruiert. Bei aller Experimentierlust und Selbstreflexion in ästhetischen Fragen fällt bei diesem und anderen Filmen doch ein bemerkenswert unreflektierter blinder Fleck auf: der Blick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Ästhetisch unambitioniert, dafür aber mit offenen Augen und Ohren für die Vielfalt menschlicher Lebensmöglichkeiten kommen zwei Filme daher, die sich dem „Leben zwischen den Geschlechtern“ widmen, wie es in der Ankündigung heißt. Eines von zweitausend Kindern wird nämlich ohne eindeutige Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht geboren, sei es in der Anordnung der Geschlechtsorgane oder hormoneller Nichtübereinstimmung. Immer noch werden diese Uneindeutigkeiten im frühesten Kindesalter operativ korrigiert, oft mit zweifelhaftem Erfolg. Doch immer mehr Menschen bekennen sich zu ihrer Intersexualität. Auch in den Filmen – beides ursprünglich Fernsehproduktionen – kommen neben Eltern und Ärzten penis-amputierte xy-Frauen und Menschen mit „zweifelhaften Genitalien“ zu Wort.

Hermaphroditen – eindeutig zweideutig von Ilka Franzmann konfrontiert Interviews aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem tieferen Einblick in eine Familiengeschichte, die aus Verschweigen und Verdrängen besteht. Das verordnete Geschlecht von Oliver Tolmein und Bertram Rotermund richtet die Aufmerksamkeit stärker auf den Kampf gegen medizinische und juristische Bevormundung, den einige Aktivisten neuerdings begonnen haben, etwa in der Kampagne für den "Zwitter" als dritte Geschlechtsvariante in der Personalbürokratie. Sonnabend, Sonntag und Mittwoch im Babylon-Mitte. Silvia Hallensleben

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