Kultur : Kurzmeldungen

Die neue Münchner „Pinakothek der Moderne“ zählt zu den besten Museumsbauten der Nachkriegszeit: Stephan Braunfels, der Architekt, hat seinen Kampf gewonnen

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Von Bernhard Schulz

Mit der Eröffnung der Münchner Pinakothek der Moderne, der „dritten Pinakothek“ der bayerischen Landeshauptstadt am morgigen Sonntag, schreibt Stephan Braunfels ein Kapitel deutscher Architekturgeschichte. Von einem „wahrhaft großen Wurf“ schwärmt der neue Hausherr, Museums-Generaldirektor Reinhold Baumstark, ja von einer „geradezu wunderbar gelungenen Architektur“. Das 143 auf 68 Meter messende Gebäude zählt zu den größten Museumsbauten der Nachkriegszeit – und ist doch „nur“ der erste Bauabschnitt, dem ein zweiter, wie ein Mantelkragen um das jetzige Haus gelegter Gebäuderiegel folgen soll.

Braunfels hat also weiterhin allen Anlass zu kämpfen – leise, beharrlich, wie stets unermüdlich in der Sache, um die es ihm geht. Wenn die Pinakothek auch mit 120 Millionen Euro zu Buche schlägt, so beklagt der Architekt doch unbezahlte Eigenleistungen in Höhe von über drei Millionen Euro. Die Planungs- und Bauzeit dehnte sich auf zehn Jahre, er selbst bekam dank „gedeckelter“ Baukosten nur ein Festhonorar. „Ohne die Projekte für den Bundestag wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Braunfels mit Blick auf seine knapp eine halbe Milliarde Euro teuren, kühn die Spree querenden Berliner Bundestagsbüros, um gleichwohl zu bilanzieren: „Diese Bauten haben mich ruiniert.“

Der 52-jährige, musisch veranlagte Architekt aus bildungsbürgerlichem Hause – sein Vater war Ordinarius für Kunstgeschichte zuletzt in München – gibt sich gegenüber dem jetzt hereinbrechenden Ruhm betont gleichgültig. Die alten Wunden sind noch nicht vernarbt. Als frischgebackener Architekt hat er, ohne jeden Auftrag, Gedanken zu städtebaulichen Problemen Münchens geäußert, die Sünden der Verkehrsplanung ebenso angeprangert wie die Großmannssucht des Neubauvorhabens der Staatskanzlei, das Anfang der achtziger Jahre die Gemüter der Isarmetropole bewegte. Etablierte Kollegen wollten von der ungebetenen Konkurrenz nichts wissen, und als dann gar das renommierte Frankfurter Architekturmuseum 1987 eine Ausstellung dieser geradezu altmeisterlich zu Papier gebrachten Ideen ausrichtete, war es um die Gunst von Politikern und Platzhirschen geschehen. Dennoch – „im geistigen München habe ich mir viele Freunde gemacht“, meint Braunfels heute.

1992 gewann er dann überraschend den internationalen Wettbewerb für die „dritte Pinakothek“, das Prestigeprojekt der Stoiber-Regierung, die mit ihrer großzügig dotierten „Zukunftsoffensive Bayern“ eine kulturelle Antwort auf die Herausforderung durch das wiedervereinte Berlin suchte. Danach aber begann eine unendliche Geschichte von Verzögerungen und Schwierigkeiten, die einen weniger zähen Kämpfer wohl zur Aufgabe gezwungen hätten.

Nicht so Braunfels. Parallel zum Münchner Vorhaben gewann er 1994 den Wettbewerb für die Bundestagsbüros entlang des Reichstages – und wusste Parlamentspräsidentin und Baukommission mit eindringlicher Argumentation von seiner Idee zu überzeugen, das westlich der Spree vorgesehene Gebäude durch den „Sprung“ aufs andere Ufer auszudehnen. Auf diese Weise entsteht eine geradezu südländische Piazza am Fluss, die niemand auch nur zu erträumen gewagt hätte. Gegen die „Unfähigkeit, Plätze zu gestalten“, hatte Braunfels stets gewettert. – Nebenbei wirkte er seit 1991 auch noch als städtebaulicher Berater für das geschundene Dresden und machte Vorschläge etwa für den Altstadtring, um die zur sozialistischen Plattenbausiedlung zerfaserte Stadt baulich wieder einzufassen.

Mit dem Entwurf zur Münchner Pinakothek gelang Braunfels „das erste wichtige Bauwerk meines Lebens“ – vielleicht gar das wichtigste? Mit Blick auf die jahrelangen Querelen glaubt er, „90 Prozent“ seines Entwurfs verwirklicht zu haben – „eine sehr hohe Quote“. Zweifellos ist der aus Überlingen gebürtige, in Aachen aufgewachsene und in München heimisch gewordene Architekt ein unbequemer Partner für Bauherren und Behörden. Mit Argusaugen musste er, in München wie in Berlin, über die Qualität des von ihm bevorzugten Sichtbetons wachen, den er den „Marmor des 20. Jahrhunderts“ nennt, der aber meist als Billigmaterial verachtet wird. „Der Rohbau steht, wann kommt die Fassade dran?“ – diesen Spruch aus Taxifahrermund hat er über seine Pinakothek des öfteren hören müssen.

Auch bei den Bundestagsbauten herrscht Sichtbeton vor, aber die Kritik ist mit der Indienstnahme der Gebäude verstummt. In den Vordergrund rückte die Fähigkeit, „großartige Räume“ zu schaffen, wie die Fachkritik ihm einhellig attestierte. Nach der Fertigstellung wird sich Braunfels auf den zweiten Abschnitt der Pinakothek konzentrieren können. Kommerzielle Aufträge sind derzeit nicht in Sicht. „Ich bekomme immer Anfragen wegen Kulturbauten“, stellt Braunfels fest – sein nächstes Projekt ist der Umbau des Münchner Marstalls zur Konzerthalle. Dabei sei er doch „darauf angewiesen, endlich mal eine große Versicherung zu bauen!“

Oder gar ein Hochhaus. Denn auch davon träumt Stephan Braunfels. Und davon, dass die Stadt München endlich seinen Entwurf zur Umgestaltung des Marienhofes hinter dem Rathaus verwirklichen möge. Den Wettbewerb dafür hat er bereits 1986 gewonnen – als er ein unbekannter Neuling war und nicht der Architekt, der der bayerischen wie der preußischen Metropole prägende Bauten hinzugefügt hat.

Neue Bücher zum Münchner Museum: Pinakothek der Moderne. Architekturführer Nr. 40. Stadtwandel Verlag, Berlin 2002. 30 S., Pb. 3 €. – Gottfried Knapp: Stephan Braunfels. Pinakothek der Moderne. Prestel Verlag, München 2002. 64 S., Pb. 7,95 €. – Stephan Braunfels: Pinakothek der Moderne. Kunst, Architektur, Design. Birkhäuser Verlag, Basel/Berlin/Boston 2002. 264 S., ca. 49,50 €. – Mit dem DuMont Verlag Köln hat die Pinakothek eine Buchreihe gestartet. Die ersten Bände: Pinakothek der Moderne – das Handbuch. 304 S., br. 16,80 €; Pinakothek der Moderne. 496 S., 500 Abb., Großformat, geb. 64 €.

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