Kultur : Kurzmeldungen

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KLASSIK

Was ist Beethovens „Missa Solemnis“ für ein Stück? Der Streit, ob es sich mehr um eine Oper oder um eine große Symphonie mit Chor und Solisten handelt, geht seit dem heutigen Abend in eine neue Dimension. Mit Chor und Orchester des Europäischen Musikfestes Stuttgart unter der Leitung von Hellmuth Rilling wird die „Missa“ im großen Saal der Philharmonie zu einem Musikereignis jenseits der herkömmlichen Klassifizierungen. Denn Rilling präsentiert das Stück als dramatischen Brückenschlag zwischen barocker Gottesfurcht und expressivem Originalgenie. Hört man in den furiosen Fugatoteilen wie von Ferne den alten Bach, ist es im Sanctus-Zwischenspiel der tiefen Streicher als säße man im Adagietto von Mahler. Vom Gattungsstreit unberührt folgt das blutjunge Orchester seinem Leiter durch die extremsten Tempo- und Dynamikwechsel. Rilling fordert seinen Musikern in jedem kleinsten Zwischenspiel thematische Sinngebung ab. Dabei klingt auch das sängerische Ensemble wie aus einem Guss. Der Chor kann schmettern und attacca leise und durchsichtig singen. Und Rillings kleines Starensemble Camilla Nylund (Sopran), Iris Vermillion (Alt), Klaus Florian Vogt (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass) fügt sich unprätentiös dem Klang an. Langes Schweigen nach dem letzten Ton, bis alle sich die Ergriffenheit von der Seele klatschen. Joscha Schaback

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