Kultur : Kurzmeldungen

Die Berliner Festwochen stellen Fadhel Jaibi vor, den wichtigsten Regisseur des arabischen Gegenwartstheaters

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Von Peter Laudenbach

Die erste Inszenierung, mit der die Festwochen den tunesischen Theaterregisseur Fadhel Jaibi in Berlin vorstellen, wirkt nicht besonders arabisch. Wir begegnen in „Araberlin“, so der kalauernde Titel des in Berlin uraufgeführten Stücks, einem knappen Dutzend leicht hölzern und klischeehaft ausgestanzter Zeitgenossen aus irgendeiner gesichtslosen deutschen Großstadt; einem Informatiker, der früher mit der RAF sympathisierte und jetzt mit einer Immigrantin aus dem Libanon verheiratet ist, einer Blumenverkäuferin, die sich in einen arabischen Jungen verliebt, einem Sensationsreporter und einem so innigen wie überflüssigem Chor.

Zügig treten die Protagonisten auf und ab, schnörkel- und geheimnislos erzählen sie ihre Geschichten, unter sorgfältiger Vermeidung aller subtileren oder komplizierteren Figurenzeichnung führen sie ihre Meinungen und Gefühlslagen vor. Die Bühne ist ein nüchterner, karger Laufsteg zwischen zwei lang gestreckten Zuschauerreihen, Figuren und Dialoge könnten in ihrer schlichten Eindeutigkeit aus einer Vorabendserie stammen: Theater mit dem sinnlichen Reiz einer Diätmargarine.

Hier gibt es nichts von dem, was man sich von Aufführungen bei einem internationalen Theaterfestival erhofft – weder theatralische Entdeckungsreisen in ferne, unbekannte Welten noch eine Begegnung mit außereuropäischenTheaterformen, keine Exotik und keinen Hauch von Welttheater.

Dass der Abend trotzdem einen Blick in fremde Regionen erlaubt und einige anrührende Kraft entwickelt, liegt an ihrem Thema. Das Stück, ein in den letzten Monaten entstandener Text der tunesischen Autorin Jalila Baccar, erzählt eine kleine Geschichte aus einem großen Konflikt. Ein Junge, der Sohn des Informatikers und der Libanesin, prügelt sich in der Schule, weil er als „arabisches Dreckschwein“ beschimpft wurde, später entwickelt er ein auffälliges Interesse am Training mit dem Flugsimulator. Sein Onkel, der Geliebte der Blumenverkäuferin, der Bruder der Libanesin, verschwindet spurlos und wird von der Polizei gesucht – vielleicht ein moslemischer Terrorist, ein möglicher Attentäter, vielleicht nur einer, der in der Rasterfahndung als Verdächtiger rausgefiltert wurde.

Was folgt – Hausdurchsuchungen, Presserummel, Mobbing („Arabernutte“) – beweist zumindest, dass Heinrich Bölls hier zu Lande gnädigem Vergessen anheim gefallener Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ unter arabischen Intellektuellen nicht unbekannt ist. Fadhel Jaibi, der derzeit wichtigste Theaterregisseur aus dem arabischen Raum, kopiert Bölls Kommentar zur bundesrepublikanischen Terrorismushysterie der siebziger Jahre demonstrativ.

Zusammen mit den ausgiebig einmontierten Passagen aus Albert Camus’ Terroristendrama „Die Gerechten“ und der linksradikalen Vergangenheit des im arrivierten Mittelstand angekommenen Ex-RAF-Sympathisanten wirkt dieses Zitat wie ein Verweis darauf, dass auch westliche Gesellschaften ihre Militanten und verzweifelten politischen Amokläufer produzieren.

Jaibi betont diese Analogien, die Parallelen zwischen westlichem und arabischem Terrorismus. So unterläuft er beiläufig das Klischee, beim Terrorismus der Fundamentalisten handle es sich um etwas dem zivilisierten Westen vollkommen fremdes, ein Produkt vorzivilisatorischer Barbarei. Was Jaibi von Terroristen hält, macht er in einer ironischen Schlusspointe deutlich: „Sitz, Carlos!“, sagt der von Sohn und Frau verlassene Informatiker und Ex-RAF-Sympathisant, „Sitz, Carlos!“ Carlos ist in dem Fall nicht der arabische Top-Terrorist der achtziger Jahre, sondern ein folgsamer Hund.

„Der Fundamentalismus ist das entscheidende Problem des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, sagt Jaibi im Gespräch nach der Premiere, „der Fundamentalismus in der arabischen Welt, in Israel, in Deutschland, in Amerika.“ Auf die irritierte Nachfrage, was er mit deutschem oder amerikanischem Fundamentalismus meine, antwortet Jaibi, ein freundlicher Mann, der in Paris Theater studiert hat, der Brecht inszenierte und Molière bewundert, mit einem verstörenden Satz: „Es gibt einen westlichen Fundamentalismus, genauso wie einen islamischen. Ich weiß nicht, welcher gefährlicher ist.“

Das Thema seiner Inszenierung sei nicht eine Anklage gegen westliche Arroganz, was ihn so abstoße sei „die Indifferenz des Westens, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend in den armen Ländern.“ An sich selbst beobachtete der tunesische Regisseur eine ähnliche, nur umgekehrte Reaktion auf den 11. September, die ihn selbst schockiert. „Ich sah die brennenden Türme im Fernsehen, die Menschen, die aus den oberen Etagen in den Tod sprangen. Es hat mich nicht berührt. Bei den Fernsehbildern von den Massakern in Ramallah und Ruanda musste ich weinen. Am 11. September nicht.“ Diese Fremdheit in der Wahrnehmung des jeweils anderen ist das Thema der Aufführung. Das macht sie, bei aller theatralischen Dürftigkeit, zu einem spannenden Festivalbeitrag jenseits aller gern bemühten Phrasen vom interkulturellen Dialog.

Die überfällige Politisierung des Festivalprogramms nimmt damit erste Konturen an. Auch für den Versuch der Festwochen, selbst Produktionen zu initiieren und nicht nur wie in früheren Jahren fertige Inszenierungen einzukaufen, steht diese Premiere. Jaibi hat sie mit deutschen, türkischen und einem deutsch-algerischen Schauspieler (herausragend: die Deutsch-Türkin Patricia Tiedke) in knapp zweimonatigen Proben in Tunesien erarbeitet. Jaibi, dessen Theaterarbeit sich zwischen Traditionen des westlichen Theaters und seinem Blick auf die arabische, die eigene, tunesische Gegenwart bewegt, ist mit diesem Gastspiel zum ersten Mal in Deutschland zu entdecken. Weitere, mit seinen tunesischen Schauspielern, werden in den nächsten Tagen folgen – erstmals stellen die Festwochen mit Jaibi in einer „Personale“ genannten Festivalreihe einen bedeutenden Regisseur mit mehreren Inszenierungen vor. In „Junon“ zeigt Jaibi den Dialog einer Psychotherapeutin mit einer Kranken, in dem Stück „Familia“ geht es um die verlorene Welt der tunesischen Bourgeoisie und in „A la Recherche d’Aida“ um den Palästina-Konflikt.

„Araberlin“ ist bis 20. September im Spannwerk Paul-Lincke Ufer zu sehen, „Junon“ vom 19.-21. im Haus der Festspiele, dort auch am 22. „A la Recherche d’Aida“. „Familia“ im Hebbel-Theater vom 27.-29. 9.

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