Kultur : Kurzmeldungen

Literaturfestival Berlin: Richard Ford stellt heute seine Storysammlung „Eine Vielzahl von Sünden“ vor

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Von Brigitte Böttcher

Ob er noch der Typ ist, der im entscheidenden Moment das Glück auf seiner Seite hat, fragt sich Quinn, nachdem er Rae hat gehen lassen. Ob er jetzt ein Mann geworden ist, der weder seiner Frau noch sich selbst oder sonst wem Freude bereiten kann, fragt sich Austin nach einer misslungenen Affäre in Paris. Ob es gut ist, nun einer zu sein, der so in die Welt hinaus geht, fragt sich Frank: „ohne Mitwisser, ohne echte Verbündete, ohne einen geliebten Menschen.“

Solche Fragen sind es, die die drei Männer zu typischen Protagonisten von Richard Ford machen – Quinn in dem Roman „Verdammtes Glück“ von 1981, Austin im rund zehn Jahre später erschienenen „Frauenheld“ und schließlich Frank Bascombe in „Der Sportreporter“ und „Unabhängigkeitstag“, den beiden Romanen von 1986 und 1995. Letztlich verschmelzen sie alle zu einem Charakter: dem Amerikaner zwischen 30 und 50, dem sein Leben auf halbem Weg zu entgleiten scheint. Auch in der aktuellen Geschichtensammlung des 1944 geborenen Erzählers, „Eine Vielzahl von Sünden“, trifft man ihn wieder. Dabei geht es vordergründig nur um eine einzige Sünde: den Ehebruch. Natürlich hat das Wort „Sünde“ etwas Anachronistisches, zumal im heutigen Amerika, das sich in seiner realistischen Literatur spätestens seit John Updike als Land der temporären Vorstadt-Arrangements präsentiert. Aber die Schuld, sagt Ford, beginnt mit den kleinen Sünden, die der Schuld vorausgehen: „Wir versagen täglich – durch mangelnde Geduld, Aufrichtigkeit und Leidenschaft. "

Zwei der zehn Geschichten in „Eine Vielzahl von Sünden“ (übersetzt von Frank Heibert, Berlin Verlag, 352 S., 19,90 €) deuten diesen Mangel nur an. Ein Mann beginnt, Nacht für Nacht der Frau in der Wohnung gegenüber beim Entkleiden zuzuschauen - während seine eigene Frau neben ihm schläft. Und ein Ehepaar fängt an, die Gedanken des anderen nicht mehr zu verstehen. Ganz in der Tradition seines verstorbenen Freundes, des Shortstory-Autors Raymond Carver, beobachtet Ford absurde Nichtigkeiten, die erst nach dem letzten Satz auf das Moment der Veränderung verweisen.

In anderen Erzählungen liegt dieses Moment bereits in der Vergangenheit. Während einer gemeinsamen Reise durch Maine versuchen Tom und Nancy herauszufinden, was von ihrer Ehe übrig geblieben ist, nachdem Tom wegen einer Schussverletzung kein Polizist mehr sein kann und eine Liebschaft begonnen hat. Tom, der typische Ford-Protagonist, spielt hier allerdings die Nebenrolle: In „Nachsicht“ interessiert sich der Autor erstmals vorrangig für die Frau an seiner Seite – die schließlich ihre Optionen selbst neu auslotet.

Solche Geschichten erinnern aber auch daran, dass Ford seine ultimative Geschichte von der Untreue bereits erzählt hat: in seinem Roman „Der Frauenheld“. Der Ehebruch eröffnet sich Austin darin zunächst als „Möglichkeit“, verbunden mit einer großen Hoffnung: „Gemeinsam an einer unerwarteten Intimität teilzuhaben, konnte vielleicht bewirken, dass sie beide ihre Leben besser in den Griff bekämen", sinniert er, bevor sich das Ausmaß seiner Verirrung entfaltet.

Entwicklungen dieser Art beschließen zumeist auch die neuen Ford-Stories. Insofern knüpft der Autor an seine Kurzgeschichtensammlung „Rock Springs“ von 1987 an. Nur schreibt er heute weniger lakonisch. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er nicht die Dichte und Spannung von damals erreicht: Zwischen den Zeilen ist es leerer geworden. Vielleicht liegt es aber auch an der Verlagerung des Milieus. Waren es 1987 noch Menschen aus einfachsten Verhältnissen, sind Fords „Sünder“ zumeist Anwälte, Maklerinnen oder sonstige Besserverdiener.

Auch der Vater von Buck in „Ruf“ ist Anwalt. Oder vielmehr: Er war es, bis er seine Kanzlei in New Orleans verlassen musste, weil er das Leben mit einem Augenarzt dem mit seiner Familie vorzog. Eine gemeinsame Entenjagd mit dem sich langsam betrinkenden Vater führt Buck zu der einsamen Erkenntnis: „Mein Vater wollte einfach nicht akzeptieren, dass er nicht immer tun konnte, was ihm gerade einfiel.“

In „Eine Vielzahl von Sünden“ ist Buck der einzige Vertreter eines weiteren Figurentypus, den Ford beherrscht wie kaum ein anderer: Jungen zwischen 14 und 16, die Zeuge werden, wie ihre Familie zerbricht und nun ihren eigenen Weg finden müssen. Die klassische Initiationsgeschichte, wie wir sie vor allem aus „Wildleben“, dem dünnen Roman, den Richard Ford vor zwölf Jahren schrieb: seinem vielleicht schönsten. Wer Ford entdecken möchte, kann das also sehr gut mit den älteren Büchern tun. Alle anderen können mit den neuen Erzählungen die Zeit bis zur Fortsetzung von „Der Sportreporter“ und „Unabhängigkeitstag“ überbrücken: Frank Bascombe kommt zurück. Der dritte Teil seiner Geschichte ist in Arbeit.

Richard Ford liest heute, 19.30 Uhr, im Tränenpalast. Morgen um 22.30 Uhr gestaltet er zusammen mit Ingo Schulze einen Raymond-Carver-Abend im Deutschen Theater.

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