Kultur : Kurzmeldungen

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Eine Loggia ist eine Bühne an der Fassade des Bürgerhauses. Verglast wird sie zum Treibhaus der Blütenträume. Dort tummeln sich, vor der Rampe der Fantasie, perfekter als in jedem Wahlkampf, an jedem Wahlabend, die Jongleure, Wortverdreher, Komiker, Illusionisten, Gliederverrenker, Seiltänzer einer kleinen Kapitale in einem kleinen Land. Vor 102 Jahren, als das Land noch größer war, wurde das Glasdach des größten Varietés seiner Hauptstadt am Bahnhof Friedrichstraße mit Platten abgedeckt, mit einem Sternchenhimmel versehen. Als am 25. September 1992 in der Potsdamer Straße, Berlin-Tiergarten, der Impresario Peter Schwenkow ein Varieté eröffnete, das er nach jenem alten Wintergarten benannte, zitierte sein Varietéhimmel aus 4600 Birnchen das legendäre Original. „Die Potse berappelt sich,“ jubelte man, voll Hoffnung für den schwächelnden Kiez, beim Nachbar Tagesspiegel, dessen Feuilletonchef das start up kulturoptimistisch deutete: „Die Zeichen mehren sich, dass das Verdorren ein Ende hat und Farbe, Munterkeit, Witz und Humor, auf jeden Fall Wagemut wieder in die Stadt kommen.“

Es ist dann nur alles etwas anders gekommen als im Wendeaufbruch erträumt. „Berlin hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land,“ hatte noch der ironische Heinrich Heine, so ungefähr, in „Deutschland, ein Wintermärchen“ gedichtet. Nun aber ist Berlin pleite, der Potse gräbt der Potsdamer Platz die Kaufkraft ab. Der neue Wintergarten hat sich eher aseptisch-touristisch als verführerisch-berlinisch entwickelt und das intelligente Entertainment zugunsten günstiger Fließband-Shows zurückgestellt; dabei hätten seine Profikünstler schönere Inszenierungen verdient. Patron Schwenkow zieht sich gerade aus seinen Flop-Abenteuern, dem Adagio-Club am Potsdamer Platz und dem Musicalgeschäft auf das Konzert-Terrain und sein Tingeltangel-Trio (Berlin, Düsseldorf, Stuttgart) zurück. Vielleicht managt er sogar die nächste „Stones“-Tournee zu den Deutschen! Im Wintergarten aber, das muss man dem bekennenden CDU-Kumpel Schwenkow und der Provinzialität seiner westberlinischen Premierenfeten zu Gute halten, hat das große Europa längst angefangen: Ohne Clowns und Artisten „aus dem Osten“ käme dort kaum eine Revue zustande (Foto: Wintergarten). Morgen feiert das Etablissement kerngesund Galageburtstag. Die Tricks sind alt, doch von Zeit zu Zeit wollen wir uns einfach betören lassen: Deutschland, ein Budenzauber. tl

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