Kultur : Kurzmeldungen

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CITY LIGHTS

Im Gegensatz zu manch anderen Schalgwörtern sind die Begriffe International und Festival nicht geschützt und haben deswegen eine leicht inflationäre Tendenz. Aber warum soll ein gelungenes Festival eigentlich nicht aus drei großartigen Filmen bestehen? Vielleich ließe sich so dem – ebenso inflationären – Bestreben vieler großer Festivals, immer noch größer und allumfassender werden zu müssen, zumindestens symbolisch ein programmatisches Gegengewicht setzen. Eines der kleinsten derartigen Events ist wohl das Internationale Festival für Stummfilm und Musik, das dieses Jahr in seine fünfte Runde geht. Die Veranstaltung ist eine Erfindung des (Ost)-Berliner Trommlers und Perkussionisten Steve Garling, der einmal im Jahr für drei Abende kompetent ausgewählte Stummfilme aus aller Welt mit selbst konzipierter Live-Musik zusammenbringt. Moderne Besetzung und Tonart sind dabei für Stummfilmbegleitung durchaus ungewöhnlich, und die Tonebene steht dem filmischen Geschehen so gleichberechtigt bis dominant gegenüber, dass sich vielleicht präziser von Konzerten mit Filmbegleitung sprechen ließe als von Filmen mit Musik. Dieses Jahr stehen drei europäische Großstadtfilme auf dem Programm. So wird, programmatisch fürs radikale Konzept, bei dem Halbton-Film Ich küsse ihre Hand, Madame (R: Robert Land, 1929, am Sonnabend) eine Original-Ton-Szene, in der Richard Tauber den titelgebenen Schlager singt, durch eine Interpretation des Tenors Nino Sandow ersetzt.. Die weibliche Hautrolle in dieser Liebesgeschichte wird übrigens von der jungen Marlene Dietrich gespielt. Zu Georg Wilhelm Papsts Die freudlose Gasse (Freitag), der in einer hochgradig verstümmelten Fassung manchmal im Berliner Kinomuseum zu sehen ist, werden neben Garling selbst der Bariton Sebastian Bluth, Charles Janko an der Kirchenorgel und der Elektroniker Stephan Barnikel musizieren. Dritter Film im Bunde ist Joe Mays früher Thriller Asphalt (1929) mit Betty Amann und Rosa Valetti. (Sonntag, allesamt in der Evangelischen Hoffnungskirche in Pankow)

Konventioneller als bei Garling dürfte die musikalische Begleitung ausfallen, die Filmkomponist Peter Gotthardt für sein Tonfilm-Orchester und Hitchcocks Stummfilm The Lodger schrieb. Peter Gotthardt, der neben 450 anderen Filmmusiken unter anderem den steigenden Drachen aus "Die Legende von Paul und Paula" zu verantworten hat, war wohl der bekanntester Filmkomponist der DDR. "The Lodger", der im Babylon im Rahmen einer umfassenden Hitchcock-Retrospektive läuft, wird vom Meister selbst als der erste richtige Hitchcock-Film bezeichnet und ist das Drama um einen kleinen Mann, der von seiner Vermieterin verdächtigt wird, ein Serienmörder zu sein. Ein echter Hitchcock eben, übrigens auch der erste, wo der Regisseur einen seiner später berühmten Kurzauftritte hatte, damals noch eine reine Notlösung, um das Bild zu füllen (am Sonntag im Filmkunsthaus Babylon).

Silvia Hallensleben

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