Kultur : Kurzmeldungen

Udo Zimmermann verlässt die Deutsche Oper Berlin: Muss er Christian Thielemann weichen? Steht jetzt ein radikaler Umbau des Berliner Musiktheaters bevor? Ende einer Spielzeit

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Von Frederik Hanssen

Popstars tragen oft ehrenvolle Zusätze im n wie „The Pelvis“, „The Tiger“ oder „The King“. Bei Dirigenten kommt so etwas fast nie vor. Christian Thielemann allerdings könnte bald den Beinamen „die Axt“ bekommen. So, wie es aussieht, kann man sich seinetwegen in der Deutschen Oper künftig Udo Zimmermann sparen. Der Intendant wird seinen bis 2007 laufenden Vertrag vorzeitig zum Sommer 2003 lösen. Dass die Chemie zwischen den beiden Künstlern von Anfang an nicht stimmte, war ein offenes Gemeimnis. Haben Thielemanns Freunde nun Udo Zimmermann rausgemobbt? Oder kündigt sich mit dem Casus die erste wirkliche Berliner Opernreform an?

Der Betroffene schweigt und verweist auf eine Pressekonferenz am morgigen Mittwoch. Eigentlich kann Udo Zimmermann dem Termin ruhig entgegensehen, hat er sich wenig vorzuwerfen. Sicher, seine erste Spielzeit als Nachfolger des legendären Götz Friedrich stieß bei den Kritikern auf wenig Begeisterung. Doch das Publikum nahm den sperrigen, anspruchsvollen Spielplan des neuen Intendanten besser an als erwartet. Die Gesamtauslastung ging zwar im Vergleich zur letzten Spielzeit um sechs Prozent zurück, von 70 auf 64 Prozent, aber die immer noch ungelöste Ballettsituation macht dem 1900-Plätze-Haus besonders zu schaffen. Hinzu kommt, dass sich die Wirtschaftskrise überproportional bei den Freizeitausgaben niederschlägt. Ein Defizit von 120000 Euro (bei einem Etat von 40,5 Millionen Euro) prognostiziert die Deutsche Oper für 2002 – wenn der Senat deswegen, wie verlautet, einen Intendanten ablöst, müsste Berlin alle Theaterchefs austauschen. Wenn künstlerische Leiter wegen ein paar missglückter Abende gehen müssen, auch.

Das Erbe von Götz Friedrich an Deutschlands (nach München) zweitgrößtem Opernhaus anzutreten, ist kein Spaziergang. Wer aber in der vergangenen Saison nicht nur die Premieren besuchte, sondern auch mal eine Stichprobe im Alltag machte, konnte sich davon überzeugen, dass die Lethargie der letzten beiden Friedrich-Jahre gewichen war. Zum Beispiel die beiden Repertoireaufführungen von Neuenfels’ altem „Rigoletto“ und der „Elektra“ (an dessen Regisseur sich längst keiner mehr erinnert): Die Produktionen waren gut gepflegt, Sänger und Orchester boten alles andere als Routine, die Umbauten funktionierten im Gegensatz zu früher reibungslos, und der Saal war gut gefüllt. Es weht ein neuer Wind in der Deutschen Oper, dachte sich der Besucher. Prima.

Dann aber war immer häufiger hinter vorgehaltener Hand zu vernehmen: Der Zimmermann muss weg. Und zwar vor allem aus West-Berliner Kreisen. Warum? An seinem Konzept ist kaum etwas auszusetzen: Immerhin war Zimmermann der erste, der für Nonos „Intolleranza“ Peter Konwitschny nach Berlin holte, den wichtigsten deutschen Musiktheaterregisseur, den man in der Hauptstadt bislang geflissentlich übersehen hatte. Immerhin brachte Daniel Libeskinds als Bühnenbildner und Regisseur bei Messiaens „Saint François“ viel Presseecho und ausverkaufte Vorstellungen. Immerhin gefielen Achim Freyers Version des Verdi-Requiems und Bechtolfs „Hoffmann“ dem Publikum. Flopps waren Christof Nels „Fidelio“ und selbst Karl-Ernst und Ursel Herrmanns Deutung von Cherubinis „Médée“.

Seine zweite Saison startete mit „Werther“ in der Regie des hochtalentierten, jungen Sebastian Baumgarten , für die kommende Premiere steht die Rückkehr der großen Berlinerin Anja Silja nach 40 Jahren an („Jenufa), ist Stuttgarts gefeierter Musikchef Lothar Zagrosek verpflichtet („Idomeneo“, Regie: Neuenfels), wird der viel umworbene Dirigent Marc Albrecht „Salome“ herausbringen (Regie: Achim Freyer) und kein Geringerer als Rossini-Altmeister Alberto Zedda „Semiramide“ betreuen.

Natürlich hat Udo Zimmermann auch Fehler gemacht. Den schwersten bereits vor Amtsantritt: Nachdem Christian Thielemann in einem Tagesspiegel-Interview seinen Intendanten-Wunschkandidaten Peter Ruzicka verkündet hatte, fiel die Wahl des damaligen Kultursenators Radunski auf Udo Zimmerman. Daraufhin kündigte Thielemann wegen unüberbrückbarer Differenzen. Mit Fabio Luisi präsentierte Zimmermann bald einen international gefragten Dirigenten als Ersatz – doch einflussreiche Kreise des alten West-Berlin bugsierten Christian Thielemann zurück auf den Generalmusikdirektorenposten, und Luisi bekam einen Korb.

Zimmermann verbog sein Rückgrat und blieb. Seine einzige Chance, im voraussehbaren Dauerclinch mit dem Dirigenten bestehen zu können, aber nutzte er nicht: Weil Thielemann nach seinem ersten Abgang Engagements rund um den Globus angenommen hatte, war er in der letzten Saison kaum in Berlin präsent. Doch Zimmermann, weder mit diplomatischem noch mit kommunikativem Geschick besonders gesegnet, gelang es nicht, seine Hausmacht auszubauen. Seit Klaus Wowereit der Deutschen Oper ihren Verwaltungsdirektor André Schmitz in die Senatskanzlei abgeworben hat, fehlt der starke Mann für die Finanzdisziplin, und auch die Besetzung der Dramaturgie erwies sich als zu schwach.

Mit dem Orchester geriet Zimmermann gleich zu Beginn aneinander, nicht nur, weil die Musiker selbstverständlich auf der Seite ihres geliebten Thielemann stehen, sondern auch, weil der neue Intendant den Musikern erst eine Gehaltserhöhung versprach und das Versprechen dann wieder zurücknehmen musste, weil er selber auf eine „Bemühenszusage“ Radunskis für bare Münze genommen hatte. Hinzu kommt, dass Zimmermann zu oft nicht im Haus präsent ist, weil er seine Posten bei der Münchner „Musica Viva“ und dem Dresdner Zentrum für Neue Musik nicht aufgeben mochte, und wenn er da war, schottete er sich ab.

Welche Gründe für seinen Rückzug Zimmermann morgen auch immer nennen wird: Nicht nur in seinem Haus wächst nun die Angst, dass hier mit dem Intendanten die ganze Deutsche Oper zur Disposition gestellt wird. Nicht nur Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin macht kein Hehl daraus, dass in seinen Augen drei Opernhäuser für die Hauptstadt zuviel sind. Mögliche Szenarien wären: eine Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper (manche nennen auch die Komische Oper als Kandidaten) – oder die Festspielidee: Komische und Deutsche Oper bleiben städtische Musiktheater, während Unter den Linden Produktionen aus aller Welt eingeladen werden – in ein Haus ohne eigenes Ensemble. Aber unter dem Dach des Bundes.

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