Kultur : Kurzmeldungen

Science Fiction erzählt von der Zukunft. Aber spielt mit gegenwärtigen Ängsten. Steven Spielbergs „Minority Report“ denkt einen modernen Überwachungsstaat zu Ende – und hat alle Chancen, zu einem Klassiker des Genres zu werden Wollt ihr den totalen Frieden?

NAME

Von Jan Schulz-Ojala

Als George Orwell „1984“ niederschrieb, einen der Klassiker der Science Fiction, da war das reale Datum noch 35 Jahre hin: eine Ewigkeit. Die Erfahrung des Faschismus hatten die Europäer gerade hinter sich, da wirkte ein von Amerika beherrschtes Ozeanien, in dem der „Große Bruder“ alles und alle beherrschte und das schlichte Andersdenken als „Gedankenverbrechen“ mit Folter und Gehirnwäsche geahndet wurde, nur als zynische Horrorvision. Auch das Massenmedium Fernsehen sollte zwar bald die Welt erobern – aber unausschaltbare „Televisoren“, die in allen öffentlichen und privaten Räumen zur Berieselung ebenso wie zur Bespitzelung eingesetzt werden? So was galt auch Jahrzehnte später noch allenfalls als finstere medienkritische Fantasie.

Der Roman, die Filme dazu – 1955 der erste von Michael Anderson, 1984 folgte die Version von Michael Radford – , schließlich das Jahr 1984 selbst: lange her. Es ist alles im Groben nicht so schlimm gekommen, und auf leisen Sohlen kommt so manches doch. Die Länder, in denen bereits die Versuchung der Freiheit als strafbar gilt, sind nicht gerade weniger geworden; und sie vertragen sich nicht nur mit dem gleichgeschalteten Orwell-Überwachungsstaat, sondern durchaus auch mit dem Kapitalismus. Die allgegenwärtigen Televisionsapparate mögen zwar bis heute nicht in jede Wohnung glotzen, wohl aber halten sich ihre erhellende und sedierende Wirkung die Waage. Auch sonst ist der Mensch auf dem Weg zu seiner Totalvergläserung ein gutes Stück vorangekommen: überwacht von Kameras in öffentlichen und kommerziellen Räumen, mal zu seinem Schutz, mal zum Schutze großer und kleiner Privateigentümer, und ansonsten Lieferant von unsichtbaren Fingerabdrücken allüberall – von der Kreditkarte bis zur page impression beim Surfen im ach so freien Internet.

Die greisen Erdenbewohner des Jahres 2054: Wie werden wohl sie sich fühlen bei der Erinnerung an jenes uralte Jahr 2002, als Steven Spielbergs „Minority Report“ noch neu war und ihre Alte-Leute-Gegenwart noch beruhigende 52 Jahre hin? Vielleicht werden sie Spielbergs Bilderwelten von der totalen Bevölkerungskontrolle via Netzhaut-Scan und einer kriminell kriminalitätsvereitelnden „Precrime“-Polizei – elegante Updates der Orwellschen Fantasien – ein bisschen naiv finden: zu drastisch, um ganz wahr zu sein. Und zu wahrhaftig im Kern, um noch als drastisch empfunden zu werden. Denn hat sich nicht, so zwischen 1984 und 2002, in der Menschheitsgeschichte der weltumspannend fürsorgliche Kapitalismus durchgesetzt – man könnte ihn auch, wegen seiner ideologischen Alleinherrschaft, die Diktatur des Kapitals nennen?

Ein Friedhof aus Reagenzgläsern

So gesehen, ist die Welt von „Minority Report“, in der der elektronisch erfasste Verbraucher überall ebenso automatisch wie ntlich begrüßt wird und die Polizei von Washington D.C. potentielle Mörder in einem gigantischen Reagenzglasfriedhof einfriert, nicht gerade weit aus der Zukunft hergeholt. Sie lässt sich auch als kalte Satire auf die totale Konsumgesellschaft lesen. In einer Stadt, in der seit sechs Jahren kein Mord passiert ist, darf sich der Verbraucher sicher fühlen, „sicher und frei“, gerade so wie es die „Precrime“-Werbetrailer von allen volldigitalisierten Litfassäulen säuseln; und die Herrschaft von Pepsi, Nokia, Lexus, Amexco, Bulgari, Gap, Revo, Guinness ist so allumfassend, dass sie sich, genial selbstreferentielle Ironie, der rituellen Kritik am product placement souverän entziehen – gehören die genannten Firmen doch selbst zu den visuellen Hauptdarstellern dieses Films.

Spielbergs unverwechselbares Talent ist es, fiktive Welten mit bezwingender Präzision zu inszenieren – und so wird die nahe Zukunft, die er nach Motiven einer bereits 46 Jahre zurückliegenden Erzählung von Philip K. Dick aktualisierend erfindet, im Kino binnen Minuten zu gültiger Gegenwart. Diese Welt, so meint man zu glauben, gibt es, so oder so. Eine Welt, in der auch Demokratien sich unter Druck erschreckend eilig im Namen der Sicherheit auf die Aushöhlung der Freiheit einlassen, scheint sich zudem gerade zu formen: Es ist die Leitkultur Amerika selbst, die den Schock des 11. September auf genau diese Weise zu bewältigen sucht. Wie verführerisch muss da der Gedanke sein, über ein perfektes Instrumentarium zu verfügen, dass gewisse Verbrechen verhindert – um jeden Preis!

140 Minuten dauert die Reise durch jenes Washington D.C., in dem der Modellversuch „Precrime“ kurz vor der gesamtstaatlichen Serienreife steht – und es ist die furiose Exposition, das Setting, der Ur-Plot, der von diesem Film bleiben wird; nicht so sehr der bald ins Action-Genre sich fügende Verlauf, in dem ein Jäger zum Gejagten wird und der Beste sich als Bösewicht erweist; und erst recht nicht das Finale, in dem die arg plötzlich reanimierten family values über den zuvor so exakt geschärften Blick auf die Zukunftsgesellschaft triumphieren.

Auf der Halluzinationsmembran

Die wie in ewigem Fruchtwasser lagernden drei „Pre-Cogs“, mit offenbar unfehlbarer Hellseherei begabte Menschenwesen, weggesperrt von der Welt in einem „Tempel“ genannten Labor und wie Gottheiten verehrt; der Ober-Cop John-Anderton, der die auf eine gewaltige Halluzinationsmembran aufsteigenden Bilder bevorstehender Morde mit dem Habitus eines Dirigenten zu Schubert- und Tschaikowsky-Klängen zur schlüssigen Szenenfolge ordnet – und sich in luxuriöser Single-Hölle, süchtig nach einer Droge namens „Clarity“ , an bewegten und bewegenden Bildern seiner untergegangenen Kleinfamilie berauscht; oder die wie mit eigenem Instinkt begabten metallischen Spinnen, die die Bewohner ganzer Blocks mal eben rasterfahndend immobilisieren zum Schnapp und Schuss des Netzhaut-Scan: Das alles ist, natürlich, nicht mehr als perfektes Kino. Aber weil es perfektes Kino ist, nehmen wir es, solange es perfekt ist, eins zu eins. Keine Sorge: Man hat immer wieder mal Luft, sich im Kinosessel gedanklich ein Stückchen abzusetzen.

Was noch? Tom Cruise ist, endlich einmal, ideal besetzt – als jungenhafter, irgendwie unfertiger John Anderton, überfordert durch eine eisern disziplinierende Aufgabe und zugleich ungeheuer zäh. Samantha Morton gibt als Agatha das faszinierend fragile und doch kraftvolle Pendant dazu – wobei es sich als geschickte Volte erweist, dem einzigen weiblichen Halluzinator unter den Pre-Cogs die titelgebenden, abweichenden Aufzeichnungen zuzuweisen, die die Perfektion des Systems unterminieren und den Weg zurück in eine Art Freiheit ebnen. Auch das wohl ist Kino: Es alpträumt sich heftig nach vorne und tröstet dann mit kleinen ideologischen Fluchten retour. Die Wirklichkeit dagegen schreitet, und das lässt sie mitunter ebenso böse wie langweilig erscheinen, langsam, doch umso unabweisbarer voran.

In Orwells „1984“ klingt das so: „Hast du schon einmal bedacht, dass um das Jahr 2050 kein Mensch mehr am Leben sein wird, der ein solches Gespräch, wie wir es führen, überhaupt verstehen könnte?“, fragt da einer den anderen. 2050: Das wäre mitten im Feldversuch „Precrime“, vier Jahre vor dem großen Knall. Noch fast ein halbes Jahrhundert, unvorstellbar lang hin. Mit anderen Worten: übermorgen.

In 26 Berliner Kinos; Originalfassung im Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center und in der Kurbel; untertitelte Originalfassung im Odeon

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben